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Diese Verständnisvollen mit ihren Drahtbrillen! Sie würden einem Kannibalismus verzeihen, wenn man ihnen plausibel erklärte, warum das Opfer sich selbst gewürzt hat.

Aufzeichnungen müssen dort aufhören, wo die Verlockung zu einem Werk zu groß wird. Es ist die Kürze, die ihre Länge ausmacht.

Einer, der seine Schmerzen in Tüten mit sich herumträgt. Azur ist die, in der seine körperlichen, gelb, in der seine seelischen untergebracht sind. Manchmal reißen die Tragegriffe, alles kugelt auf dem Boden herum, und Passanten helfen ihm beim Einsammeln. Es wäre nicht so, dass auch nur einer dabei etwas eingesteckt hätte. Man lässt ihm die Farben und Inhalte, und eines Tages bemerkt er eine junge Frau, die ihre Schmerzen in grauen und brau-nen Koffern bewältigt.

Du ertappst dich, dass du viele deiner Wörter kursiv denkst.

Kleist war der Welt müde, Büchner wollte sie zumindest noch ändern, Kafka aber wälzt alles auf sich. Die Strenge sieht man seinem Gesicht nicht an. Es ist offen, mit starken Brauen, einem zarten Mund. Das Übel des Seins fühlt er in sich selbst; eines »Dan-ton« wäre er nicht fähig gewesen. Auch verlachen konnte er die Welt nicht, einen »Zerbrochenen Krug« musste er bewundern. Unfähig, die Welt so zu lieben, wie sie ist; alle Ecken sind eckiger, alle Kanten sind schärfer als für die anderen Wesen. Sein Strampeln, eben diese Unebenheiten zu glätten. Bleibt ihm, mit seinem Schreiben die Täler auszufüllen, Pflöcke einzurammen, an denen der schwankende Erdboden sich festbinden kann. Die herzlichen Augen bis ins Alter – 41! – hinein: Sie zeigen Hoffnung. Kafka als wandelnder Schleifstein. Wie man ihn zum Konstrukt erhebt, so zerschellt er.

Die Stadt, in der man lebt, in eine Tag- und eine Nachtstadt aufteilen. Im Hellen nie den einen, im Dunklen nie den anderen Teil betreten.

Man kann die Realität nicht mehr in einen Koffer packen und mit sich herumtragen. Und so darf man auch nicht mehr schreiben. Der Autor ist nicht mehr allwissend, sondern sieht allenfalls Bahnhöfe – nie Städte.

Am Südrand der panischen Küste möchte ich stehen und die Worte ins Meer kicken –, so dass sie ganz verloren wirken, bevor sie versinken.

Thomas Lappe
ca. 70 Seiten, 24.800 Worte.





Mir ist es lieber, jemand umgibt sich mit zehn Büchern die er liebt, als mit Tausenden, die nur als Tapete dienen.

Schwer zu verstehen, dass Jesus heute noch Menschen für sich arbeiten lässt. Dass sie es freiwillig tun, darf ihm nicht als Entschuldigung gelten.

Warum ich mich mein Leben lang für Außenseiter interessiert ha-be, weiß ich nicht. Schon in der Schule waren mir die, die von allen gemieden wurden, die liebsten Gesprächspartner, und es war nicht einer unter ihnen, der nicht ein große Menge zu sagen gehabt hätte.

Die wirklich wichtigen Tage im Leben sind die, auf die man sich nicht vorbereitet. Ihre Unmittelbarkeit gräbt sie ein; sie bleiben einem erhalten, weil sie wirklich bewegen. Sie vergrößern die Distanz zu allem Vergangenem merklich. An solchen Tagen vergeht das Leben schneller, weil die Zukunft nicht absehbar ist.

Grotesk. Während der Tour de France sagt ein Zuschauer am Streckenrand, er sehe zwar nichts von den Radfahrern, aber schön sei es trotzdem. Was soll das für ein Sport sein, bei dem es egal ist, ob er gesehen wird?

Alles, was je an meinen Büchern konstruiert erscheint, ist die Idee der Kunst, die nur die Kunst vermag. Alle Ideen sind konstruiert, die Konstruktion ist das Leben; die Idee ist wandelbar.

Sage keiner, ich sei ein religiöser Autor. Ich bin es nicht. Der Glaube ist mir fremd. Dass ich versuche, mich ihm in Worten zu nähern, lässt mich nicht weniger zweifeln. Vielleicht vermag ich meine Suche nur umso täuschender auszudrücken.

Wir könnten überleben. Wir müssen nur besser hinsehen und dann das, was wir sehen, weniger glauben. Beim Sterben fällt das nicht leicht – aber vor den Tiefen ungesichterter Gründe, schon.

Thomas Lappe
ca. 40 Seiten, 16.900 Worte.





Gnadenlos seine Liebe, lieblos seine Begnadigung.

Einst benötigten Sie für den Bau von Angkor Wat sechzigtausend Elefanten. Hatten die Tiere auch sechzigtausend Widerstände?

Die gefangenste aller Freiheiten: Sehnsucht.

Mit zunehmendem Alter wird einem immer weniger geglaubt, dass man niemanden hasst.

Diese Verworfenheit des Todes. Dass er so viele Masken trägt.

Die sich einem zuwenden, weil man nicht stark genug ist, sich ihnen fernzuhalten.

Zwei Gründe, künstlerisch aktiv zu werden: Entspanntheit oder Unruhe. Kunst zu können, oder Kunst zu müssen.

Weshalb eigentlich Aufzeichnungen nie enden? Weil sich immer etwas ereignet, was einen noch hoffnungsloser macht?

Thomas Lappe
ca. 80 Seiten, 25.500 Worte.