Leseproben aus: sechs ausgewählte Erzählungen
Durch die häuserbedrängte Straße – die ich aufsuchte, nachdem man mir hinter vorgehaltender Hand über sie und das, was in ihr, so heiß es auch: möglicherweise, geschehen war, erzählt hatte – zog steter Rauch. Er war weiß und kühn und wehte in Schwaden herüber vom angrenzenden Djemna el-Fna; es war der würzige, manchmal beißende Qualm gegrillter Tintenfische. Wer auf der nicht engen, aber auch nicht sehr breiten al´Haqwuab-Straße ging, war umgeben von diesem Aroma, und man konnte das Ende der langen Straße erreicht haben, auf einem der wenigen Balkone oder einer der zahlreichen Dachterrassen stehen, der Duft war immer schon da.
Arabische Musik aus alten Transistorradios quengelte allenthalben, Rufe ertönten, auch die eines Muezzins, weiße Kaftane und schwarze Schleier ließen sich ausführen. Ich ging diese autofreie, jedoch von zahllosen Fußgängern, Eselskarren und Radfahrern belebte Straße mit ihren schummrigen, wenngleich schattigen Läden, verzweifelt winzigen Arztpraxen und kleinen, nach vorn offenen Restaurants mehrmals auf und ab, um mich dem Kern der Erzählungen umständlich zu nähern.
Ich wollte wissen, wie die alte Litfasssäule aus verschiedenen Richtungen wirkte. Niemand sollte mich zu ihr führen, kein Begleiter; man konnte jemanden fragen, und jeder wies die Richtung, so sicher, als zeigte er auf den allgegenwärtigen Turm der Großen Moschee: Vom Hotel aus nach Süden musste man sich halten, nicht viele Schritte vom Djemna el-Fna-Platz entfernt – diesem Treffpunkt inmitten der enorm großen, ausufernd ockergelb leuchtenden Stadt, wo die Menschen zu Tausenden und Abertausenden wimmelten wie die Ameisen, sowohl auf dem Platz als auch in den lauten Gassen und Bazars und stillen, stillen Hinterhöfen.
Dort in der al´Haqwuab stand die Säule; ihre Spitze war unübersehbar. Und als ich sie erreichte, schimmerte sie kalt und schwarzstählern und nackt. Nicht ein einziger Zettel beklebte sie, im Gegenteil: Kratzer waren zu sehen, schwere Einschnitte im Metall, in die ich meine Finger legte.
Thomas Lappe
Erzählungs-Beginn von: "Die Litfasssäule"
4 Seiten, 1.800 Worte.
Komplett in: Magazin "Kurzgeschichten", Offenburg, 21. Oktober 2006
Der Verleger Julius Handkant, der seit weit über zwanzig Jahren kein Buch mehr besessen hatte, der, seiner Bezeichnung zuwider, nicht einmal ein herkömmlicher Verleger war, liebte es, den Dingen ihren zugewiesenen Platz in der Welt zu nehmen und sie andernorts zu platzieren.
So hat man ihn dabei beobachten können – manchmal durch die Überwachungskameras in den Kaufhäusern, meist aber leibhaftig –, dass er, bevorzugt in Buchhandlungen, Bücher aus dem Regal, die, sagen wir: unter C einsortiert waren, kurzerhand bei L oder M oder W einschob. Er tat es möglichst unauffällig, für Aufsehen hatte Julius nicht sorgen wollen. Ihn interessierten vielmehr die Reaktionen der anderen. Das verärgerte, später resignierte Kopfschütteln der Angestellten war vorhersehbar; sie konnten einige ihrer Bücher nicht verkaufen, da sie sie erst viel zu spät wieder fanden. Nicht vorhersehbar war jedoch das Verhalten anderer Kunden, die, unter L oder M oder W suchend, plötzlich einen Band mit Verfassernamen C entdeckten.
Manche versetzten dem Fremdkörper einen züchtigenden Stupser mit der Zeigefingerspitze, andere zogen das aufdringliche C heraus und kauften es sogar. Julius stand derweil, wie unbeteiligt, an der Seite und schaute zu.
Thomas Lappe
Erzählungs-Beginn von: "Der Verleger"
4 Seiten, 1.800 Worte.
Komplett online unter (in Rubrik "Schlüsselerlebnisse"):
www.online-roman.de
Die Tage werden wieder kürzer; sie sind lang gewesen. Ich habe ihr Vergehen miterlebt, es war ein zähes Vergehen, wie es im Buche steht: Vierundzwanzigmal kroch eine Stunde über mein Ich hinweg oder höhlte es aus oder nötigte mich, Ich zu sein; sieben Tage in der Woche und rund dreihundertundsechzigtausendmal, bis ich den heutigen Tag habe vergehen sehen. Er konnte nichts dafür, dass ich ihn ausgewählt habe; ich hieß Walk und habe mir diesen besonderen Tag ausgesucht, der an sich überhaupt nichts besonderes ist oder an sich hat. Ich habe heute mittag, nachdem ich bei einer Stehgastmetzgerei zufällig gleichen Namens – deshalb esse ich gerne dort, zufällig – gegessen hatte, meine Brieftasche liegen lassen. Ich habe sie nicht vergessen, ich habe sie liegenlassen.
Als ich sie das vorerst letzte Mal sah, hinausgehend, mich umblickend, lag sie schwarz und prall auf dem vordersten, der Eingangstür zugewandtesten der runden Bistrotische (sofern man das so sagen kann), an dem ich zuvor Schaschlikpfanne gegessen habe. Niemand beachtete sie, die Brieftasche, auch ich nicht (mehr). Ich weiß nicht, was mit ihr, dem Geld, den Ausweisen, den Gebäudezutritts- und Kreditkarten geschehen ist, also wann und ob jemand sie vielleicht doch beachtete. Es interessiert mich nicht. Ich habe die Brieftasche nicht nur liegenlassen, im Grunde habe ich sie: abgegeben. Ich habe meine Identität aus der Hand gegeben, wie man so schön sagt. Ich bin es leid, Ich zu sein. Es muss doch noch etwas anderes geben.
Die Person, die zu beobachten wir uns hiermit anschicken, wird der Einfachheit halber nur Walk genannt. Diese Person, männlich, ist einundvierzig Jahre alt, schlank und dunkelhaarig, hat braune Augen, leicht gekrümmte Beine, trägt eine für ihr dünnes Handgelenk zu große Uhr und zum besagten Zeitraum eine schwarze, dünne Cargohose sowie ein schwarzes T-Shirt. Wir wissen über Walk nur die üblichen Stammdaten, so es sich denn um den realen Herrn Walk handelt; wir kennen bestätigt seinen Nachnamen, und zwar deshalb, weil er einmal einer der Fleischverkäuferinnen genau das lächelnd gesagt hatte: dass er so heiße wie der Laden. Wir wissen bestätigt, die männliche Person hat gegen zwölf Uhr dreißig die Metzgerstube in der Nürnberger Innenstadt verlassen, gegenüber dem Einwohneramt; sie hat sich unauffällig stadteinwärts bewegt. Dann ist sie, wie man so sagt, aus aller Wahrnehmung verschwunden, aus der Wahrnehmung aller.
Thomas Lappe
Erzählungs-Beginn von: "Unwalk"
25 Seiten, 13.800 Worte.
Da war ich ein Licht in schimmernden Gärten (2005)
Der wundervolle Garten, der die farbenprächtige Kulisse für das entsetzliche Ereignis bildete, erhielt schon vor langer Zeit von allen, die ihn sahen und bewunderten, einen Namen, Himmelspforte, und als das Ereignis geschah, das geschehen ist, da wünschten sich alle, dass Zelindo wahrhaftig in die Himmel komme, hoch in die Himmel, denn wer schon in Himmelspforte starb, an einem schönen, sonnigen Sommertag, an dem alle an Leben und summende Bienen und prachtvolle Blumen dachten, wer an einem solchen friedvollen Tag in einem Teich mit dort nur zehn Zentimetern Wassertiefe ertrank, in seinem eigenen, von ihm selbst angelegten Seerosenteich, wer an einem solchen Julitag nicht hegte und pflegte, sondern stürzte und starb, der durfte, das sagten alle einhellig, auf eine der Himmespforten hoffen, denn dass es mehrere gebe, geben müsse, allein hienieden gebe es eine zweite – diesen großen Garten, Himmelspforte –, auch darauf konnten sich alle verständigen.
Alle, die sich verständigen wollten.
Könnte es sein, dass die siebenjährige Verenka ihren Vater schubste? Absichtlich? Dass sie nach, wie ihre Großmutter schrie: perfider Absicht das Glück hatte, dass Zelindo unglücklich über den Pendeljäter stolperte, mit der Schläfe auf einen im Wasser liegenden, weißgrauen Zierstein schlug, halb bewusstlos Wasser sog, Wasser in ihn einfloss? Floss es in ihn ein?, wagte seine fast abstoßend hässliche Mutter Amalia wieder und wieder zu fragen, aber sie meinte damit, habe ihre Enkelin ihn gestoßen?, wollte sie ihren eigenen Vater meucheln?, damit sie die Großmutter zerbreche?, wollte sie den Großvater verwandeln in einen schluchzenden Greis, der am Rande des spiegelnden Teiches, neben seinem leblosen Sohn, in die Knie sank und hemmungslos Tränen vergoss, mehr Tränen, als man fürs Rosengießen je verwenden möge, mehr Tränen als in seinen noch folgenden sechzehn Lebensjahren insgesamt? Wollte sie, Verenka, darauf aufmerksam machen, dass ihre Mutter auch nicht mehr lebe, schon seit drei Jahren nicht mehr? Wollte sie, fragte die Großmutter unentwegt (mich), wollte vielleicht die Enkelin einfach nur ausdrücken, wie einsam sie sich fühle ohne Mutter, so einsam, dass es auf des Vaters Verlust auch nicht mehr ankäme? War es ein Akt schierer Verzweiflung; ist es überhaupt so gewesen, wie sie, die doch ohnehin schon gottgezeichnete Amalia, vermute und befürchte?
Wie ich das sähe?
Thomas Lappe
Erzählungs-Beginn von: "Da war ich ein Licht in schimmernden Gärten"
60 Seiten, 29.000 Worte.
Der Faden (hier vollständig, 2005)
Als Anna Rastlos sich in Ariadne umbenannte, musste sie beginnen, den Faden zu benutzen, den zu vergessen sie bitterlich bereut hätte, hätte sie es je. Doch das geschah nicht. Die Vierundsiebzigjährige vergaß immer rascher immer mehr, je älter sie wurde, aber ihren Faden vergaß Ariadne nie. Wann immer sie das Altenheim verließ – einmal am Tag, öfter nicht –, knotete sie ihren langen Wollfaden am Treppengeländer fest und machte sich auf den Weg, der immer nur so lang war wie der Faden. Oft hätte sie ohne ihn den Rückweg nicht gefunden.
Der Faden ließ ihr eine Strecke von wenigen Straßenlängen; sie konnte, je nach Richtung, drei- oder viermal um diese oder jene Ecke biegen, aber natürlich war er irgendwann ausgerollt, und dann stand Ariadne an einer Stelle, an der sie – aufgrund der insgesamt eingeschränkten Möglichkeiten – sicherlich schon hundert Mal gestanden hatte. Nur, sie konnte sich nicht erinnern, und anfangs machte ihr das Angst. Da war zum Beispiel der Weg rechts über den Großweidenmühlsteg, dann bog sie nach links die gleichnamige Straße hinunter bis zum Spazierweg entlang der Pegnitz, linker Hand ragendes Ufergebüsch hin zu den ausladenden, der Naherholung dienenden Wiesen; sie ging konzentriert weiter, immer am murmelnden Gewässer entlang, fast bis zur nächsten Flussbrücke, dem Lederersteg. Und dann war der Faden bereits zu Ende.
Ariadne Rastlos staunte über den Fluss und die schmale Brücke, als sähe sie sie zum ersten Mal, und jedesmal war´s wie beim ersten Mal. So wurde ihr das Spazieren nicht langweilig. Natürlich hatte sie, klug wie sie war, den Faden mehrfach durch Zusatzfäden verlängert, aber irgendwann war ihr der Wollballen in der Hand zu groß und schwer geworden; sie schnitt alles bei der Hälfte ab und war zufrieden. Diese übrig gebliebene Hälfte bestimmte ihr Leben. Mehr als diese Wegstrecke würde sie nicht mehr erleben, nicht mehr als jene sieben oder acht Streckenvarianten, die damit noch möglich waren.
Und als an einem etwas trüben Herbsttag drei Lausbuben ihren Faden durchschnitten, während die alte Dame fast schon den Endpunkt ihres Spazierganges erreicht hatte, da war es um irgend eine weitere Wanderung eh geschehen: Ein Ehepaar geleitete die völlig verwirrte, verirrte Frau zu ihrem Altenheim zurück, Ariadne hatte immerhin einen kleinen Zettel vorweisen können, auf dem die Adresse notiert war.
Fortan durfte die Frau nicht mehr allein spazieren, und so hockte sie auf ihrem winzigen Balkönchen, ließ den Wollfaden durch die Finger gleiten und ging – an die Strecken konnte sie sich erinnern, nicht an die jeweiligen Endpunkte – ihre Lebenswege nur noch im Geiste ab. Jedes Mal erreichte ihr Wollfaden sein Ende, auch wenn sie saß, und dann stand Ariadne im Geiste im Nirgendwo, an einem leeren Ort. Sie rollte langsam ihren Faden wieder auf und schritt im Geiste rückwärts, und siehe da, wenn der Faden wieder vollends aufgerollt war, saß sie auf ihrem Balkon. Das machte die alte Dame glücklich, sie hatte keine Angst mehr, und sie spazierte, bis ihr eines Tages das Wollknäuel aus den Händen glitt.
Thomas Lappe
Erzählung, hier vollständig: "Der Faden"
in: Magazin "Jonglierkiste", Nürnberg, Februar 2007
in: "AWO-Magazin", Roth, August 2007
in: Magazin "Alzheimer Info", Dezember 2007
Diesseits des Leuchtfeuers (2006)
Der Versorgungstender hat Asja Sibelius hinaus gefahren; es hat sie in ihren stählernen Leib aufgenommen, und dann, einen halben Tag später, wieder ausgespuckt: Man hat sie in ein kleines Beiboot zwischen die Kisten großer Mengen Lebensmittel und Getränke gepresst, sie konnte sich kaum rühren; man wollte nicht einmal, dass sie sich rühre.
Sie sollte still sitzen, die Schwimmweste anlegen und sich festhalten, auf dass die eiskalten grauschwarzen Wogen sie nicht aus dem Boot pressten, und dann schaukelte dieses hinüber zum meterbreiten Caisson-Fuß des rotweiß gestreiften Leuchtturmes; es hieß dann, sie möge bitte dem kräftigen Mann, der unten in der Tür desselben erscheine, nicht im Wege stehen. Schwere Kisten galt es zu wuchten; sie beide sollten gut versorgt sein, wenn das Boot in nicht einmal einer Stunde wieder ablege und aufs Mutterschiff zurückgefiert werde und erst in einem Monat wiederkomme, so die See es zulasse. In einer der glänzenden Metallkisten finde sich auch die Post für Morten Torbeek, in einer weiteren, unter anderem: seine Lieblingslimonade. Sie selbst durfte einen Koffer heranwuchten, der Bedarf an Wäsche würde durch Reinigung gestillt werden...
Und dann erfuhr sie noch Erstaunliches, dass nämlich Haue Arnsen, der zweite Leuchtturm-, eigentlich: Leuchtfeuerwärter, ihretwegen die Heimreise antrete; sie erfuhr, dass in einem im Meer positionierten Turm immer zwei oder gar mehr Menschen Dienst leisteten, für zwei sei hier Platz, und dass aus Gründen der Sicherheit nie einer allein arbeiten dürfe, in der Hoffnung ohnehin, dass die beiden Männer sich verstünden, gut miteinander auskämen –, doch jetzt erscheine ja sie, man lege die Vorschriften ausnahmsweise anders aus. Betonung: ausnahmsweise.
Und so sah sie noch Arnsen dem zurückbleibenden Kollegen die Hand schütteln, sie sah, wie der zeitweise abgelöste, in gelbes Ölzeug gekleidete, dunkelhaarige Mann ins Boot stieg, grinsend; Asja Sibelius winkte dem Bootsführer noch einmal zu, auch Haue Arnsen, dankte diesem, dann zog Torbeek sie in den Turm hinein und verschloss die schwere Stahltür. Das Geschrei der Möwen verklang –.Verbandelt.
Thomas Lappe
Erzählungs-Beginn von: "Diesseits des Leuchtfeuers"
64 Seiten, 32.400 Worte.