Veröffentlicht, nun erhältlich: der Sammelband "Mit einem roten Donner" (2011)
Ein 74-seitiger Lyrikband, der 73 Gedichte von Thomas Lappe aus den Jahren 1989-2011 sammelt. Herausgegeben vom HerJo-Verlag, Hamburg.
ASIN: B005UO7KCM.
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Feuchtes Regenbogenende
(richtige Zeit!)
Er wollte dort warten,
und dass beide sich nie getroffen haben,
lag nicht, wie er klagt,
am Warten
an der Zeit
am Licht nicht und nicht am Regen,
- nur daran, dass sie, wie sie sagte,
im zimtenen Garten
am anderen Ende
verharrte
(richtige Zeit!)
in: "Bibliothek deutschsprachiger Gedichte VII", 2004
Schwarz
Ich sehe und staune.
Ich sah dich nie zuvor, kein einziges Mal.
Du tauchst im Schwarz auf, hüllst dich in Schwarz
und liebst mich in Schwarz
niemals.
Ich weiß.
Nürnberg, 1990
Sebrenica
Als das Grinsen noch geholfen hat (uns), erschossen
wir sie trotzdem. Zwar, sie bleckten uns an, baten
um Gnade, und sahen uns grinsen und dachten,
dass wir dächten, was sie dächten. Taten wir aber nicht.
Als das Wünschen noch geholfen hat (uns), wünschten
sie sich einen schnellen Tod. Zwar, sie waren gläubig und
rochen das Kordit und ihre Angst und sonst nichts (mehr),
doch ahnten sie, dass wir nicht wünschten, was sie wünschten:
Zielt gut und richtig.
Taten wir aber nicht.
Es waren ihrer viele. Da konnte einem das Grinsen vergehen,
an dieser Ablebensörtlichkeit.
Nürnberg, 1995
Lahme Schritte,
die wir gehen, wenn einer von uns
nicht mehr geht. Namenloser Mangel.
Leise Stimmen,
die uns bleiben, wenn einer von uns
nicht mehr spricht.
Dann stehen wir nur und wispern wahr,
und alles anders ist,
was vorher klar begehbar voll
von dem was laut war – war.
ER ist nicht mehr.
Er war.
in: online unter www.inlitera.de, Januar 2007
Gedichte aus: "Mit einem roten Donner" (2001-2011)
Es schneet. Es ist
das Gleiß herabgeflockt; es liegte sich zu kamen
still und grell. Nun dickt das Nass
in Prachten alle Welt – uns lässt zerhauchter Atem
Allerärmstes klagen: Frostefrachten.
Es wintert breitem Feld. Der Mummel duckt
in Grachten sich, der Löffel zwo entstellt –
prall quillt sein Hoppel pomponhell, und
zuckt. Und fort.
Das ist wintrig.
Das ist weit. Wir händen unsre Reiben,
bollern ofentlich die Arm´. Wir zahnen klappernd
Kaltzeit – warm.
Schlitt-
gezurre -en. Es lechzt nach Kohlgesott (in uns); es ächzt
ins Suchen krächzend´ Schwarm verflattert und zerrab -en.
Unerreichbar: Es tiert.
Wellblech hüttenkalt, gefriergeschlagen.
Wir schmachten. Harren
und starren – leere Käscher; selbst der Fluss eist
sich von uns los. Es mägen die Knurren. Uns klirrt.
Solchem Hunger knicken
ganze Sprachen ein.
Preisträger in: "Bibliothek deutschsprachiger Gedichte X", 2007
Auf dem Leuchtturm
In ungeräumter Zeit ist
Finsternis wie Frost, ist Platz für Leere;
ist ungesäumter Zeit ist schwerer
Kost kein Satz geweiht (leuchte uns) -
die See versteht das.
Sie frostet, leert, sie will befeuchtet sein.
Sie sagt; Beleuchtet Flächen,
alles, was ihr seht. Es zeitigt sich.
Es naht.Es werde Licht, es muss nun werden.
Ich gebe meinen Wellen weiten Raum -
kaum schaffen sie den Takt, kaum Schaum.
Sie funkeln lichtern, sie brechen
den Gezeiten das Genick. Flaggt. Ein Leuchtturm kläfft.
Vertrau'n.
Ihr sehnt euch nach der Höhe Nest,
weil in ungezäumter Zeit das Wirre
überwirbelt - ihr Ungewisses, Dunkles wisst. Nackt.
Hofft.
Das Licht: an und aus.
An, aus. Oft. So sei's ein Fest, ein Fein, ein Faun.
So sei's ein Fest.
in: "Bibliothek deutschsprachiger Gedichte 2006", 1.Preis
Ist es Strafe
Ist es Strafe zu sehen,
wenn andere von uns gehen,
oder
ist es das Pech des Überlebens?
Ist der Tod
– Antworte –
nur eine Schaufel
magersüßen Lebensschutts,
des rüttelnden Recyclings?
Noch scheint es Trumpf, zu sehen,
dass andere gehen –
während wir, die Letzten,
die Allerletzten
noch fragen können
in: "Die Literareon Lyrik-Bibliothek VIII", 2008
Worauf mann so lauert
Das Schlangenkaninchen, ich. Das
säugetierblutrote Licht des Anrufbeantworters,
es blinkt oder nicht. Blinkt es, plötzliche
ich zur Kaninchenschlange: erstarre vor Freude,
und das Licht schlingt mich, reptilen.
Nürnberg, 2009
Vom Meer (bei Ile Rousse)
So gesehen
hat das Meer vom Leder gezogen, munter drischt es auf sich ein.
Es wischt alle Spuren, wo immer sie sei´n, so fein, so gut, dass
sie – bei magischer Flut – wiederkehren. Verharren will es nicht
von sich erwarten,
das wäre der Ruhe zuviel; des blauen Latte Macchiato Gischt
brüllt
vor ungezügelter Muße.
Die zueigene Sprache wirds Meer nie erläutern mögen, wir
vernehmen allenfalls Vokale. Es zieht die Stirn kraus,
es treibt sich selbst vor sich her mit traumloser Gier, hier
wird´s Chronos sein, dort Sklave –
endlos-triviale Male.
Doch wer hier strauchelt, darf sich hingezogen fühlen,
nichts, was das Nass nicht nähme. Und sei´s die rotbordige,
überlaufende Schale. Nein, dröhnt,
tumultet es auf rauschendem Fuße, so ehre, ja: liebe es – es singt,
dass,
von seiner Wucht erzogen, sein Oeuvre wird von der Bucht gesogen.
in: Zeitschrift "mare", Februar 2008
Jene jenseits
Als ob wir sie schon gehört hätten. Hundert Mal
hielten wir inne, tausend Mal. Jeden Tag zur selben Zeit
eine Minute, auf dass ihr Schall unser Echo werde, hier.
Wir schlucken unsren Atem, und wenn unsere Zehen sich,
Eidechsen gleich zwischen den längst nicht erlaufenen
Träumen schlängeln, und jeder Lidschlag dem Herzen
einen trichternen Rhythmus gibt, und jedes Ohrenspitzen
unserer Gier, die Jenseitigen zu hören, Nahrung –, dann
dürfen wir vielleicht äußern, wir hätten sie vernommen, jene
aus dem Gegenteilland. Die gegenüber. Zwar lauern wir diesseits
ihrer Vorstellung, doch das hoffen sie auch. Von uns.
Deshalb könnten wir einander näher nicht sein.
Nürnberg, 2009
Nur meine Finger
Wenn ich es nicht wüsste,
weiß ich es doch auch nicht. Wenn
ich alles wüsste, wüsste ich umso weniger.
Und wenn ich wenig wüsste
– oder gar nichts –, was weiß
ich denn mehr dann als ich wüsste.
Nur meine Finger wussten
was zu tun ist mit deinen Knöpfen.
Man könnte darüber reden, auch
spekulieren – folglich –,
man könnte hier und da ein Wüsste
debattieren oder gar ein Wissen deklinieren, das
ein jeder gern zu wissen wüsste, riefe er,
würde es ausgerufen, mit.
Bloß,
ich weiß nur in billigen, glasklaren Reimen,
dass mein Wüsste das schönste Wissen ist, weil du es
warst, die mich küsste. Gestern. Ein Kissen
lag unter unsren Köpfen.
Einfach nur ein Kissen.
Der Dill
»Ich will meinen Dill gerupft, nicht gezupft!
Transportiert, auch das, den Majoran per Straßenbahn,
und Kampfer niemals per Dampfer. Kapiert?«
Still! Hört ihr in den Giebeln in solcher Stille
weißer Zwiebeln Triebeln? Und wo – in Lichtes Helle –
die Pimpernelle die Vanille rüffelt: »So müffelt bloß
in Pavia ein Pavian in Thymian. So!«
Ihr hört´s! Diese Welt ist eigen: Zitwer kennt kein Witwer;
ein Mandarin liebt Rosmarin und selten Mandarine; doch manch ein kleines Kinde – immer frecher und
mit dumpfer Kennermiene – tönt: »Wie gern ich mümmel´
stets vom Kümmel!« Natürlich meint es Schnaps im Becher,
und »hätt´ ich bloß vom Meerettich so viel wie Tamarinde und zur Soß Melissenkloß«, es höhnt in tumber Sucht –,
doch dann, dann schlummert der Sohn auf Mutters Kissen
im lauten Getümmel (betäubet vom Mohn).
Nein, mir geht´s um alles! Um die Wucht! Ein Blättchen
mehr vom Märzenveilchen – gut, so sei´s. Und Bonn,
selbst dort, in Bonn, gibt´s Estragon, und Genf, natürlich, schwelgt in Senf, Senf, Senf! Ich weiß.
Doch mein ich´s so, wie´s sollen sein: Auf keiner Galeere
wuchs je Lorbeere, auf keinem Kahne je ein Safrane – und
nie ein Hollander verschmäht´ Koriander. Nie.
Wie! Einerlei! So streng muss das sein?
Ja.
Damit selbst der Zimt (mit roten Ohren) vernimmt:
»Oje das, das: Nur fies im Deutschen auf Würze reimt
sich Fürze!« Das
klagt immer wieder – dort hinten am Polder –
der Anis dem Wacholder.
Und auch dort vorm Karwendel, wo der Salbei
Reih für Reih – neben Quendel und Lavendel –
buschig ziert die Gärtnerei: Auch dort
wird das beklagt – garselbst vom Koch mit der Schürze.
Schalldichte Fenster
Oh Metze! Was soll mir frühe Poesie, und Lyrik auch –
sie füllt den Bauch nicht!
Selbst geschrieen durch schalldichte Fenster,
Pforten, dicken Rauch – da ist doch Amnesie
das Bessere.
Ich wähne (und mein´, es gälte allerorten): Man wässere
mit Worten erst das Leben und die Liebe,
und dann
durchs Fenster man sich mühe: Es sei der Mensch
ein Dichter spät, so lenzt er Weisheit tief aus Tiefe, hört,
was geht –
was nicht,
und dann erst sollten folgen jene Geister, die er riefe: Klein
die Sätze, fein gezirkelt und bewirkelt – so begrenzt er Öd,
die Pein und Trug. So verleihet allem er Gewicht,
und alles ohne Hetze.
Gar nicht blöd. Doch klug.
Oh Metze! Das soll mir späte Poesie, und Lyrik auch –
sie hüllt den Schlauch dicht!,
sie knüllt die Lauchschicht!,
sie brüllt dem Habicht!,
sie güllt die Stauchgicht!,
sie spüllt den Bucklicht!,
sie küllt den Fauchwicht!
sie xüllt die Hinsicht!
Auf die Plätze, in die Knie! Seid albern gegen Reimgesetze!
All dies,
was ich schätze, vermag die späte Poesie, so irgendwie
(auch nicht).
Beginn des Poems "Hauptbuch vor St.Elmo" (1993-1996)
Rumpfesvibrieren und schiere Kommandos anschallen
des Schiffes Bestimmung, es will –
dabei
war´n das Meer und das Reisen mir fern.
Mich höhnt, „Umdrehen“, der dünnschenklige Lot
und stakst auf feuchtem Kajütflur fort; nicht gepökelt,
Störchen gleich, die wieder-
und doch umkehren müssen: allein.
Schwermut – einstge Heimat! – mitnehmend,
und in der rechten Hand den ledernen Fels.
Auch andere noch und keiner doch.
Zurückbleiben vom Kai gefälligst.
Brandung an Schwere, schaumgewichtig
bebend ein Fremder – und selbst er: wie tot.
Der Hafenpfuhl. Versinkend langsam morsches
Domgetüm.
Die Hügel hinter meinen Bergen.
Beginn des Poems "U Fragnu" (2004-2006)
Gebt ab. Kniet. Fahrt.
Bastia. 9.20 Uhr
Der Tod verkürzt sich nicht, je länger du lebst.
ER vergisst nicht seine Tricks.
Zeit vergeht, falls sie da ist;
ist sie´s nicht, vergilbt der Mensch
noch rascher. Er kann nicht ohne, nein, nimmer –
doch da, wo
Zeit sich stetig verliert, in Bastias großem B,
fragt einer den andern: danach.
Im großen B trifft sich, wer Zeit ertrotzen will, um ihr zu
sagen, sie sei nicht
Irgendwas, sondern ´was zu verlieren
sich lohnt – zu verneinen auch. Die Zeit – ihm gleich –
wird höhnisch lachen, aber vergebens an
einem Ort, wo sonst des Menschen Lachen
wundersam ist; im großen B, an diesem Ort, zucken
wir die Schultern und die Freiheit aus.
Lasst sie uns abgeben.
Lösen wir uns. Gebt ab. Kniet. Fahrt.