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Liste ausgewählter Märchen:
- "Prinzessin Kaltnase" (aus dem Band "Stimmwunder")
- "Oijapuh" (aus dem Band "Stimmwunder")
- "Im Wald der unsichtbaren Bäume" (aus dem gleichnamigen Sammelband)





Leseproben aus: drei ausgewählte Märchen

Es könnte einmal an einem schönen Sommertag gewesen sein, in Lindau, dass die blondgelockte Pia – die man Prinzessin Kaltnase nennt, zum einen, weil alle Welt sie für eingebildet und abweisend und damit für ein arrogantes kleines Prinzesschen hält, und zum anderen, weil ihre Nasenspitze tatsächlich immerzu kalt und blass ist –, es könnte also gewesen sein, dass Prinzessin Kaltnase, Pia, auf der Mole ganz dicht beim aufragenden, steinernen Löwen sitzt und wie immer, niemand hat sie anders vor Augen: in einem Buch blättert.

In den ersten jungen Jahren waren es natürlich bunte Kinderbücher, später, als das Mädchen lesen lernte, ging es zu Märchen und Erzählungen und Romanen über; jetzt, im Alter von siebzehn, sind es die Welten eines Dickens oder Cervantes oder Eichendorff, um nur einige zu nennen, und in seinem schmalen, hübschen Köpfchen vermischen sie sich so, wie es die Bücher zu fassen bekommt: durcheinander, je nach Laune, je nach Ausdauer. Prinzessin Kaltnase ist eine Bücherverschlingerin, und die Welt der Literatur ist ihr unerschöpflich und endlos, so dass sie bereits mit ihren siebzehn Jahren denkt, niemals alle Bücher lesen zu können, die zu lesen sie als geradezu zwingend erachtet; an manchen Tagen möchte sie ob dieser Aussichtslosigkeit verzweifeln, und dann, gleichsam aus wildem Trotz, schleppt sie mühsam aus der Bibliothek nicht drei oder vier Bücher nach Hause, sondern gleich acht oder zehn.

Je größer die Anhäufung an Literatur neben ihrem Bett, und je mehr davon sie gleichzeitig verschlingt, umso glücklicher ist Prinzessin Kaltnase – allerdings nur für sich. Wie gesagt, nach außen wirkt das lesewütige Mädchen mit den kurzen lockigen Haaren und dem feinen Mund: überheblich. Unnahbar. Gar nicht gesprächig.
Thomas Lappe
Märchenbeginn von: "Prinzessin Kaltnase"





Es könnte einmal gewesen sein, dass ein kleiner blonder Junge, der auf alles, was ihn beeindruckte, freudig mit der durchaus ernst gemeinten, doch stereotypen Silbenfolge ´Oi, jaaa, puuuh´ reagiert –, und dies in einer gewissen Phase seiner jungen Jahre so häufig, eigentlich ständig, dass seine Mutter und seine Freunde ihn bald nur noch Oijapuh nennen. Den innigsten bis dahin je gehörten ´Oi, jaaa, puuuh´-Ruf stößt er aus, als er – der eigentlich Oliver heißt – zu Weihnachten ein Dreitausend-Teile-Puzzle geschenkt bekommt. Da ist er zwölf.

Fortan hält es ihn keine zehn Minuten bei anderen Tätigkeiten, tags und bis in den späten Abend hockt er über dem Puzzle, das eine dramatische, weil flammentosende, rauchschwadige Szene zeigt: »Die Bombardierung von Algier«. Ein Motiv, für das Oijapuh sich sofort begeistern kann – denn Schiffe liebt er über alles, weil er im Binnenland wohnt und Seefahrerei und Meer ihm so fremd sind. Auf der Puzzleschachtel abgebildet sind mehrere mit gerefften Segeln und an Ankern schwojende Kriegsschiffe, die mit ihren jeweils drei Kanonendecks die brennenden Festungsmauern im Hintergrund bombardieren; vorn links ein tief im Wasser liegendes Ruderboot. In seinem Heck steht ein blau uniformierter Offizier, der den sechs Ruderern und einem vierköpfigen Team an einer kleinkalibrigen Bug-Kanone Befehle zuschreit. Feuer und Qualm sind so lodernd und dicht und so schwarz und grau, dass der Tag wie Nacht erscheint; Trümmer schwimmen auf den dunkelgrünen, niedrigen Wogen. Das Motiv ist beeindruckend: Algier wehrt sich, auch von dort, gar nicht weit entfernt, feuern dicke Geschütze zurück, es ist nicht abzusehen, wie der schreckliche Kampf ausgehen wird... Der Platzbedarf für das Puzzle ist enorm.
Thomas Lappe
Märchenbeginn von: "Oijapuh"





Es könnte einmal gewesen sein, dass vor zwei jungen Burschen der dunkle Wald der unsichtbaren Bäume auftaucht. Beide sind neunzehn, kräftig, von ranker Statur, sie sind beide blond, mit einsfünfundsiebzig nahezu gleich groß, nur heißt der eine Antonio, der andere Heio. Eigentlich sind die beiden ordentlich ausgerüstete Wanderer in ihrer Heimat; es ist ein Frühjahrssonntag, an dem die Berufe ruhen...

Nun, ihre Heimat ist ziemlich flach und grün und von Bächen und harmlosen, trägen Flüssen durchzogen, allein in der Ferne schimmern die südöstlichen, sich abflachenden Züge eines Mittelgebirges, das beide Jungen – wie die Einwohner des Dorfes überhaupt – als die natürliche Grenze ihres Zuhauses erachten. Das weite Land wird von einer Autobahn und mehreren Bundesstraßen durchzogen, aber dort, wo Antonio und Heio wandern, sind sie mit sich und der Natur allein. Es ist bereits sehr warm für die Jahreszeit, die Vögel tschilpen und trillieren, als wetteiferten sie, die beiden Freunde sind guter Dinge und sehen einen schönen, langen Tag vor sich. Nordwärts, vor ihnen, schlängelt sich ein bis an den Horizont führender, grau asphaltierter und selten benutzter Wanderweg, rechts und links davon begleiten sie wasserleere, mit Gräsern und Kräutern bewachsene Gräben, jenseits dehnen sich brache, weite Felder und Wiesen bis zum Horizont. Die beiden gehen schweigend und zufrieden nebeneinander, als der vielleicht zwei Meter breite Weg – der selbst ihnen, die sie oft (jedoch meist Richtung Süden) wandern, eher flüchtig bekannt ist – einen sanften Hügel hinauf führt, an den keiner der Jungen sich wirklich zu erinnern vermag. Sie sind allein. Es muss gegen elf Uhr am Vormittag sein, als sie nach etwa fünfzehn, zwanzig Schritten die Kuppe des Hügels erreichen, und dann stehen sie oben, und es ist Antonio (und nur er), der vor lauter Erstaunen die hellblauen Augen aufreißt,
– Oh Himmel, ruft er aus und weitet die Arme, Sieh dir das an, Heio: Der Wald der unsichtbaren Bäume. Sein Freund stutzt, denn er sieht allein Wiesen und Äcker, er sieht den Wanderweg, wie er den flachen Hügel hinab führt, er sieht nichts, was er nicht vorher auch schon gesehen hätte: plattes Land, linker Hand, in der Ferne, das Glitzern und Funkeln eines Flusses. Da ist kein Wald. Es hat um ihr Dorf herum nur bis ins neunzehnte Jahrhundert Wald gegeben, so die historischen Quellen, bis er in der Folge der Industrialisierung abgeholzt wurde.
– Wo bitte siehst du da Wald, Antonio? Ich bitte dich, da ist kein Wald –. Antonio antwortet nicht, aber seinem Blick sind Ehrfurcht und Respekt eingeschrieben, vielleicht sogar Furcht; er fühlt sein Blut rasen, sein Herz klopfen. Heio wiederholt seine Frage, bis der Freund mit Leidenschaft antwortet,
– Heio, dort unten. Wenn wir nur einige Schritte weiter gehen, haben wir den Waldrand schon passiert... Heio reibt sich verwundert die braunen Augen; sie haben in der Frühe ausreichend gegessen und getrunken, es kann sich nicht um Schwäche oder Verwirrung handeln, also zupft er Antonio etwas heftiger am linken Ärmel,
– Bist du verrückt geworden? Hier ist weit und breit kein einziger Baum. Antonio, was ist los mit dir? Sollen wir umkehren?
– Oh nein, entgegnet der andere mit Inbrunst, Ganz im Gegenteil.
Thomas Lappe
Märchenbeginn von: "Im Wald der unsichtbaren Bäume"