Leseproben aus: fünf ausgewählte Monodramen
Des Wettersprechers Angst vorm Regen (2004)
Der Wettersprecher steht vor einer typischen, vielleicht etwas überdimensionalen Ansagetafel, deren Europakarte von üblichen Symbolen für Hochs und Tiefs sowie allerlei Linien bedeckt ist. Der sympathische hellblonde, normal gebaute Mann ist etwa vierzig, hat eine Stirnglatze; er trägt keine Krawatte und eher sportlich lockere Bekleidung: weiße Schuhe, eine hellblaue Hose, ein weißes Hemd, dazu passend ein leichtes Sakko. In bekannter Manier wendet er sich dem Fernsehzuschauer zu.
Wir wollen morgen am Lippesee baden.
Guten Abend, verehrte Zuschauerinnen und Zuschauer.
Sie sind verwirrt? Warum denn? Ich mein´ Andrea und mich.
Nicht, dass ich Ihnen das hier vor der Kamera, während der Wettervorhersage, mitteilen müsste –, aber... es is durchaus von Belang. Sie wissen, verehrte Damen und Herren, morgen ist Samstag – ich meine, ich weiß nich, ob Sie´s schon wussten... Gut. Daher: Badetag. Hat schon meine Mutter immer gesagt: ´Samstag ist Badetag´. Aber gut.
Also: Morgen wollen Andrea und ich an den Lippesee. Wenn wir uns dazu den Satellitenfilm ansehen...
Er drückt auf seinen Knopf, und statt der Wetterkarte erscheint der übliche Schwarzweißablauf eines Wetterfilmes
...hier im Zeitraffer der Verlauf der letzten Stunden. Über der Mitte Deutschlands sehen Sie dieses ausgeprägte, einst von den Azoren gekommene Hoch namens Justinian, das sooo herüberzog und uns seit Wochenmitte die wunderbar warmen Temperaturen und den fast wolkenfreien Himmel brachte. Jetzt ändert sich das alles: Hinter Justinian folgen diese beiden Island-Tiefs: Martha und Nadja.
Sie hören, in diesem Monat Juni tragen die Tiefs weibliche Namen, was mir entgegen kommt; es löst gewisse Erinnerungen aus. Nämlich: Meine Tante väterlicherseits hieß zufällig Martha, sie wohnt in Münster... und wenn ich überlege, kannte ich auch eine andere, die Nadja hieß und in Landsberg lebte. Mütterlicherseits. Ich glaube, aus irgendwelchen Gründen sind sich die beiden nie begegnet – Nadja war ja damals schon tot, als es dazu hätte kommen können... Aber ich erinnere mich, Martha stapelte – typisch westfälisch – tief. Sehr tief: Sie hat mal im Lotto, ich glaube: sagenhafte zweihundert Euro gewonnen – aber sie winkte locker ab, ganz bescheiden, sagte, ´das is noch nix, das wird nur werden, Jung´. Ich war damals zehn oder elf.
Können Sie sich eine solche Bescheidenheit heute noch vorstellen? Ich hab das nie begreifen können. Bewundernswert.
Sie hat mir allerdings nichts von dem Geld abgegeben. Gar nichts. Auch sehr westfälisch. Dabei hab ich nichmal gebettelt.
Nun, jedenfalls folgen Martha und Nadja dem bislang blockierenden Hoch Justinian. Dieses wird nun...
Er drückt erneut auf seinen Knopf, und statt des Filmes erscheint wieder die anfangs gesehene Wetterkarte. Auf dieser nun erkenntlich: Ein großes H in der Mitte Deutschlands, über den Niederlanden und England zwei große T.
...zügig nach Osten verdrängt, die beiden mächtigen Tiefs folgen ihm und werden Deutschland wohl morgen Vormittag erreichen. Zuerst im Norden, gegen Abend auch im Süden, fällt –.
Er presst erschrocken seine rechte Faust in den Mund, beißt zu.
Oha. O-ha. Das war knapp. Verdammt, ah, war das knapp –.
Thomas Lappe
Beginn des Monodramas: "Des Wettersprechers Angst vorm Regen"
Del Piero ist tabu (2006)
Frau Elvira Sigismund trägt die typische orangerote Weste einer von der FIFA engagierten Ordnerin. Sie steht aufmerksam, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, vor einer riesigen Leinwand, immer streng und akurat dem Theaterzuschauer zugewandt. Auf der Leinwand in ihrem Rücken zu sehen: ein laufendes, allerdings leise geschaltetes Fußballspiel (Halbfinale) zwischen Deutschland und Italien, aus Augenhöhe gefilmt. Vor der Leinwand und den hin- und herrennenden Spielern steht eine Puppe, auch ein Ordner, ebenfalls in Orange gekleidet. Sie blickt den Theaterzuschauer direkt an, so wie Frau Sigismund; sie ist sozusagen ihr Pendant, bloß noch näher am Spielfeldrand gestaffelt. Während des ganzen Stückes darf sich Frau Sigismund nicht eine Sekunde umdrehen, sich nicht von der Stelle rühren und keinesfalls das Fußballspiel beobachten.
Was soll ich sagen?
Bin ich nun Fußballfan oder nicht?
Am liebsten wär´ ich´s ja nicht. Denn wenn ich´s wär´, wär´ das hier die Höchststrafe. Ehrlich. Die Höchststrafe! Können Sie sich vorstellen, es ist Halbfinale... zweite Halbzeit – und ich darf nicht hingucken?! Ich darf mich nicht umdrehen! Hinter mir spielen unsere Helden – und Del Piero – mein Gott, Del Piero. Dieser Gott! Ich liebe Del Piero! Und Gianluca. Und Ballack auch. Und Basti. Aber ich darf mich nicht umdrehen! Muss man das erlebt haben? Sowas?! Kann das wahr sein?
Ruhig bleiben. Langsam atmen. Dich nicht aufregen, Elvira... ruhig... ist nur ein Albtraum...
Ja, ich bin Fußballfan. Bekennender. Seit über dreißig Jahren. Scheiße! Dass mir sowas passieren muss.
Aber ich brauch das Geld. Dringend. Aufwandsentschädigung. Dabei müssten die mir Schmerzensgeld zahlen hierfür. Schmerzensgeld noch oben drauf. Wie soll man das aushalten? Wie habe ich die erste Halbzeit ausgehalten... weiß es nicht. Fünfundvierzig Minuten und Alessandro Del Piero im Rücken, ohne ein Mal hingesehen zu haben. Das macht doch keine Sau mit – bloß ich. Bloß Elvira Sigismund. Die Tochter meiner Mutter, ausgerechnet die Tochter meiner Mutter. Meine Mutter sagt, sie ist stolz auf mich – sieht mich im Fernsehen, vielleicht. Und ich? Bin nicht stolz auf mich. Nein. Es kotzt mich an, dass ich auf dieser Seite des Bildschirms stehe. Nur, weil ich das Geld brauche.
Thomas Lappe
Beginn des Monodramas: "Del Piero ist tabu"
Frau Holle beobachtet, was der Schnee macht, wenn er am Boden liegt (2006)
Frau Holle, eine Lupe in der Hand, steht auf ihrem Balkon. Die Wohnung hinter den Vorhängen ist hell erleuchtet und strahlt Gemütlichkeit aus. Die ältere Dame ist dünn angezogen, friert aber nicht. Es ist Winter. Auf dem Handlauf des Balkongitters liegt zentimeterhoch Pulverschnee, den sie eingehend mit der Lupe betrachtet. Schließlich hat sie genug gesehen, sie pustet ihn stellenweise weg, sagt
Mein Gott.
Er schmilzt nicht.
Er bleibt liegen. Selbstverständlich... Wenn Schnee sich meterhoch auf Dächern türmt und ganze Häuser zum Einsturz bringt, ist er liegengeblieben... Könnte man dann so sagen, dann.
Muss man aber auch erkennen. Erstmal. ´Denn der schmilzt ja nicht sofort´, hat Frau Beck gesagt. Inka. Sie wohnt unter mir. Gestern stehen wir so auf unseren Balkonen, ich beuge mich zu ihr herunter, winke nett; sie sagt, auch nett, ´der bleibt aber lange liegen diesen Winter´, und ich sag, ´pappige Konsistenz, wasseraufnahmefähig, sechseckige, verhakte Kristalle, spezifisches Kubikmeter-Gewicht, Frau Beck. Christlich geseh--´, Unsinn! ´Kristallologisch gesehen´. So hab ich gesagt. ´Kristallologisch gesehen´. Sie war schwer beeindruckt. Ich sag, ´Beobachte ich. Jeden Tag. Schnee ist faszinierend, Frau Beck. Sie können sich gar nicht vorstellen, was er macht, wenn er am Boden liegt...´ Sie: noch beeindruckter. Die ist ja jung. Die kann man noch beeindrucken. Sie hat gesagt: zweiundzwanzig. Gerade in ihrer ersten eigenen Wohnung. Arbeitet im neuen Sonnenstudio in der Schröter-Straße, der Laden heißt »Elektrische Karibik«... »E-lek-trische Kari-bik«... das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen... Manchmal höre ich sie – durch die Decke, unten...
Ich weiß nicht, was die mit die Männer macht...!
Oder die Männer mit ihr.
Heutzutage.
Sie beugt sich über das Gitter, winkt zur (imaginären) Straße hinunter.
Hallo, Gabi! Hallo... ja! Nein, mir ist nicht kalt! Mich frierts doch nie. Ich bin doch Frau Holle, wie sollte es mich frieren, haha! Kommst du nachher nochmal vorbei? Ist gut, frohes Einkaufen! Bis dann, ja...
Sie legt ihren Schal ab, hängt ihn über das Geländer.
Frau Senftenkötter. Sie hat mal gesagt, ´dass du nicht frierst, Elvira, wie du da ständig auf´m Balkon stehst...´. Ich hab ihr nur sagen können, dass ich nie frier. Schon als Kind nicht. Ich weiß auch nicht, warum. Ich bin jetzt siebzig, aber so richtig gefroren hab ich noch nie in meinem Leben. Ich meine, so richtig. Innerlich – innerlich, ja. Als mein Sohn verunglückt ist, ja... als das mit dem ersten Irakkrieg war, auch... Aber bei Schnee? Nee! Ich mach sozusagen meinem Namen alle Ehre. Kann ja nichts dafür. Sagt auch der Herr Himmelseher, der aus´m Erdgeschoss, der Hausverwalter. Netter Mann, übrigens. Jung... vierzig, zweiundvierzig... aber nett übrigens.
Heutzutage ja nicht selbstverständlich.
Heute ist gar nichts mehr selbstverständlich. ´Nichtmal der Winter ist noch das, was er mal war´, sagt der Herr Himmelseher. Sag ich auch. Sagt ja eigentlich jeder, oder? Entweder gar kein Winter oder so heftig, dass er gleich zur Schneekatastrophe wird. Der Winter ist heutzutage eigentlich immer ein Schneechaos Deshalb bleibt der Schnee so lange liegen. Den hält keiner auf.
Wenn´s denn schneit.
Sie spricht durch die geöffnete Balkontür nach drinnen ins Wohnzimmer, wo eine imaginäre Puppe namens Gudula sitzt, ihre Schwester. Frau Holle sagt
Ich sag das mal so... Weißt du noch, Schwesterlein, wie wir zusammen Schlitten gefahren sind? Damals, vor siebentausendneunhundert Jahren? Als es Adenauer noch gab? Kannste dich erinnern? Wie der Schnee da lag! Wie du in die Menschengruppe hineingebrettert bist, das mit den drei Knochenbrüchen da, mit den dreien?
Du musst nicht antworten. Koch ruhig schonmal Kaffee für uns; wir können dann gleich mit dem Kuchen mal loslegen, oder? Ich will nur noch kurz den Schnee hier angucken...
Sie betrachtet ihn erneut mit der Lupe. Geht ins Wohnzimmer, kommt mit einem Lineal, einem Stift und einem Notizbuch wieder heraus. Sagt
...ich schreib das mal auf, Gudula.
Thomas Lappe
Beginn des Monodramas: "Frau Holle beobachtet, was der Schnee macht, wenn er am Boden liegt"
Rentner Falkenstein erinnert sich an die Freuden der katholischen Erziehung (2006)
Eine Besenkammer. Klein, eng, staubig, kaum ausgeleuchtet. Auch ein Metallschrank steht darin. Im Raum eine älterer Herr, auf dem Boden kauernd.
Gestern hatten sie die Frau im Fernsehen; sie hat gesagt, sie musste ihr eigenes Grab schaufeln.
Ich habe die Sendung gesehen. Zufällig. Ich habe mich in der Frau gesehen. Sie hatte ungefähr mein Alter... Ich musste nämlich auch mein eigenes Grab schaufeln. Ich war damals zehn Jahre alt. Mein Name ist Falkenstein.
Mein Vorname: Innozenz.
Ich kann nichts dafür. Meine Mutter war sehr katholisch.
Ich werde nie vergessen, dass mein Grab sehr klein war. Ich hätte mich darin nicht ausstrecken können. Als Toter hätte ich mich zusammenkauern müssen... das Grab war so klein, weil der Boden im Garten des Kurheimes so hart war. Die Schwester konnte mir nicht helfen. Sie hat mich abends..., nachts, ich weiß nicht mehr genau... sie hat mich aus dem Bett gezerrt und gesagt, dass sie jetzt ihre Drohung wahr macht. Sie hat mir befohlen, mit in den dunklen Garten zu gehen, und hat mir eine Schaufel in die Hand gedrückt, und sie hat gesagt, ´schaufele, mach schon´, aber sie hat mir nicht helfen können. Die Nonne war ja schon alt, vielleicht achtzig, fünfundachtzig.
Zum Graben war sie zu schwach, aber zum Befehlen ist man nie zu alt.
Ich habe geweint und gegraben. Ich habe nie darüber sprechen können.
Es war Juni oder Juli. Aber der Boden war hart... nicht von irgendwelchem Eis oder so... aber er war hart, und ich schnell erschöpft. Ich war zehn. Ich hätte dünne Ärmchen und dünne Beine, insgesamt war ich dünn. Deshalb war ich ja in dem Heim. Ich sollte mich dort erholen. Es war ein Erholungsheim für kränkliche Kinder.
Das Heim war katholisch, und die Schwester hieß Angelona.
Als ich drei Tage da war – meine Eltern hatten mich dort abgegeben, weil sie glaubten, es sei gut für mich; Sie wissen schon: frische Luft, viele andere Kinder, Spaziergänge, Betreuung –, als ich drei Tage da war, kam Schwester Angelona zu mir und sagte, ´Warte, ich komme dich holen´. Die Schwester Oberin, Angelona... kam zu mir und drohte, ´Warte, ich komme dich holen´.
Thomas Lappe
Beginn des Monodramas: "Rentner Falkenstein erinnert sich an die Freuden der katholischen Erziehung"
Shakespeare muss sich bücken und resümiert, warum er fünf Brücken mit gekrümmtem Rücken überquerte, zwei davon mit Krücken (2006)
William Shakespeare, grauhaarig, ärmlich gekleidet, inmitten einer herrlichen englischen Gartenlandschaft auf einem modernen Kinderspielplatz. Gerüste, Spielgeräte, Sand, Förmchen etc. Im Hintergrund die steinerne Clopton-Brücke von Stratford-upon-Avon. Shakespeare schaukelt.
´Ich werd das Kind schon schaukeln´, hab ich mir immer gesagt. In London gab´s ja null Möglichkeiten; ich bin da weg. Fluchtartig. Ständig zogen Schauspieltruppen durch das Kaff, ständig. Alle wollten ´was von mir. Kamen aus dem ganzen Land. Das waren ja Pilgerströme. Ich konnte das nicht mehr sehen. Nicht mehr ertragen. Ich mag kein Theater.
Plötzlich taucht ein kleines Modellflugzeug über dem Spielplatz auf, es fliegt scharf und niedrig über den, auf der Schaukel sitzenden Shakespeare hinweg. Motorengeräusch. Er springt von der Schaukel, bückt sich zur Seite, schreit auf,
Verfluchte Dinger! Jetzt muss ich mich auch noch bücken. Mein Rücken!
Das Spielzeug ist fort. Er beruhigt sich. Geht wieder auf die Schaukel zurück.
Verflucht... was die Blagen heute dürfen... Na ja...
Was diese Truppen von mir wollten, möchten Sie wissen? Dass ich mit aufbauen helfe. Bühnenbilder schleppe. Kostüme säubere. Mauern aufstelle, die Bühne wische, Strahler installiere und all so´n Zeug... das ist ´was für Ein-Euro-Jobber, aber nicht für mich...
Theater ist ´was für Idioten. Vor allem in London. Vor allem heutzutage.
Hier in Stratford hingegen fühle ich mich wohl. Das Meiste, was sehr nahe liegt, ist nicht weit entfernt. Das ist doch schon ´was, diese Logik, oder? Ich kann ja nichts dafür, wenn auf all diesen Texten mein Name steht. ´Shakespeare´ – ´Shakespeare´! Die sind ja hysterisch. Ich hab nicht eine Zeile davon zu Papier gebracht, ich kann ja kaum schreiben.
Ich weiß, was Sie jetzt denken. Aber ich bin´s nicht.
Und ich bin nicht in der Krise. Nicht in der Krise.
Thomas Lappe
Beginn des Monodramas: "Shakespeare muss sich bücken und resümiert, warum er fünf Brücken mit gekrümmtem Rücken überquerte, zwei davon mit Krücken"