Nur als ´Talck´ wird ein junger Mensch bezeichnet (nicht genannt), der seit Jahren in einem engen Schrank eingesperrt ist – bloß mit dem Notwendigsten versorgt von einer Frau, die er ´Schwester´ nennt. Der düstere, überörtliche Roman schildert in harten, expressionistischen, ironischen, sarkastischen, sprach-spielerischen Rückblicken, wie Talck in den Schrank gekommen ist; was er in der menschenverachtenden, grausamen Folteranstalt – der ´Mechanikschule´ – des kannibalistischen Professors Sammt erlebte; wie er freudestrahlend Mitläufer wurde; wie er letztlich überlebte, abgeschoben zu der nicht minder rätselhaften ´Schwester´.
Dort vegetetiert der Mann – Opfer seiner Zeit, seiner nicht näher definierten Gesellschaft, seiner desinteressierten Mitmenschen – dahin: Sein Leben spielt sich nur noch im, wenngleich: sehr phantasievollen Kopf ab, und auch seine Erinnerung an seine einzige Liebe: Evelyn (ebenfalls, wenn auch ausnahmweise äußerst hübsche Schülerin der Mechanikschule).
Talcks kafkaeske Situation des Eingesperrtseins und des gleichzeitigen, absurden Sich-Umsorgtfühlens wird jäh variiert, als eines Tages in einem zweiten Schrank eine weibliche Person untergebracht wird. In der selben grauenhaften Lage, nähern sich die Figuren – ohne sich zu sehen – einander an. Die Frau schildert ihre dissoziative Persönlichkeit; in ihrer Kindheit mehrfach vergewaltigt, suchte auch sie in der Mechanikschule Zuflucht und Anerkennung: Denn da hinein, so die idealistisch-faschistoide Philosophie des Professors, werden nur „Hässliche und Geschundene“ aufgenommen. Wie in einer Kur dürfen seine Studierenden ungestraft sublimieren, wie auf einer Hässlichkeitsfarm, in der niemand seines Aussehens wegen diskriminiert wird.
Solch wundervoller, doppelter Verlockung können sich die Geächteten nicht entziehen: Sie werden, ob Mann oder Frau, zu Mittätern krankhafter Gelüste.
»Talck« ist ein bitterer, ironisch-brechender Roman. Er seziert die tiefsten Abgründe menschlicher Seelen und unerklärlicher gesellschaftlicher Strukturen. Und kann nur – obwohl Talck erkennen muss, dass das, was er an seiner Geliebte liebte, auch bloß Trug war – Hoffnung finden in der Liebe zweier Verstoßener.
Thomas Lappe
ca.134 Seiten, 69.600 Worte.
Lemuel Guldenberg ist ein vom Dichter Orle Munt Auksen erfundenes Menschheitsgenie: Schon als kleiner Junge baut Lemuel, schreibt Auksen, eine Brücke aus dem Jemen in einem atemberaubenden Modell nach.
Sein allein erziehender Vater und die Dienerschaft des Schlosses, in dem er aufwächst, sind fasziniert. Lemuel kopiert immer ausgefeilter und meisterhafter (bewegliche) Szenarien, die weltweit Anerkennung finden; er wird zum gefeierten Modellbau-Star.
Auch Orle Munt Auksen ist ein Genie, allerdings ein dichterisches. Als Sohn eines von politischen Verhältnissen unterdrückten Buchmachers aufgewachsen, beschließt er, aus dem fiktiven Heimatland zu fliehen und unter freieren Bedingungen einen Roman über Lemuel Guldenberg zu schreiben.
Am Wirken und Schaffen Guldenbergs arbeitet Auksen die eigene Autobiographie ironisch ab, doch so frei und unbekümmert, wie er Lemuel schildern möchte, geht es nicht.
Der nach dem fiktiven Roman Auksens betitelte, satirische Roman »Morbus lemuel« erzählt nun, wie Literatur-Professoren, Feuilletonisten, andere Leser und auch die Ehefrau Auksens das Buch des berühmten Dichters deuten; sie alle untersuchen auf vermeintlich ernste Art in einem Wissenschaftlerstreit dessen Leben und Werk – und damit indirekt auch das Lemuel Guldenbergs.
Ein wissenschaftliches und journalistisches Geschehen um zwei Genies wird somit als real vorausgesetzt und dient als Folie den Fußnoten des Romanes. In diesen wiederum wird eine zusammenhängende, völlig eigene Geschichte erzählt: In der Stadt Paderborn findet nämlich der erste Auksen-Kongress statt. Die Wissenschaftler, die im Roman-Fließtext das Werk Auksens debattieren, tun dies in den Fußnoten auch – nur persönlich miteinander und in Vorträgen. Damit wird Auksens Werk erzählerisch doppelt gebrochen, denn in den Fußnoten zeigen sich Eifersüchteleien und Handgreiflichkeiten aller Teilnehmer, die den Kongress zur Farce machen.
Das Ende der Fußnoten-Veranstaltung spiegelt das Roman-Lebensende Guldenbergs ironisch: Der, in einen zunehmend extremeren Wahn verfallen („morbus lemuel“), baut immer größere und komplexere Modelle, so lange und derart besessen, bis er im letzten seiner tollkühnen, genialen und riesigen Arbeiten regelrecht verschwindet. Stellen sich die Fragen: Endete auch Auksen im Wahn? Wie endet der Kongress? Und: Wie nehmen wir die Wirklichkeit wahr? Sind wir alle ´nur´ Modellbauer? Was verschwindet zuerst: unsere Wahrnehmung oder wir ´selbst´? Leiden wir alle an „morbus lemuel“?
Thomas Lappe
ca.130 Seiten, 34.000 Worte.
Was geschieht, wenn ein einfacher und gutmütiger Mensch, der Museumswächter Jonas Godewitz aus Nürnberg, über Nacht ins Rampenlicht der Öffentlichkeit gestoßen wird –, ohne, dass er es möchte, begreifen kann und ohne, dass er sich dagegen wehren könnte? Was geschieht mit einem Menschen, der feststellt, dass er immer, wird er unbemerkt fotografiert: unerwünschte Dinge in seiner Wohnung vorfindet? Und der, lässt er sich absichtlich und wissentlich fotografieren: zufällige Dinge aus seinem Besitz verliert?
Was geschieht mit ihm, wenn er merkt, dass er dieses unerklärliche Geben-und-Nehmen, diese zwiegesichtige Neue in der Welt, nicht beeinflussen kann und es beginnt, seinen stabilen Alltag zu zerstören? Wenn dieses Geben-und-Nehmen immer mächtiger wird, wenn er sich ihm nicht mehr entziehen kann, oder gar will? Und wenn er später dankbar feststellt, dass es außer ihm Tausende andere auf der Welt gibt, Versteckte zunächst, Heimliche, die – bald von besorgten Behörden kaserniert und Januswundler geheißen – auch unter dem Phänonem leiden? Und was geschieht schließlich, wenn so einer, Jonas Godewitz, auf Ahab Sangesmut trifft, der, von religiösem Wahn erfüllt, im zu Forschungszwecken internierten Museumswärter den Sendboten eines Neuen und das Ende aller bisherigen Götter erkennt...?
Es geschehen schreckliche und unerklärliche Ereignisse, die über Jahre hinweg, Stück für Stück, die ganze Welt aus den Fugen heben; es entbrennt ein Kampf um Gut und Besser, um „Anteile“ an Jonas Godewitz, dem ersten aller Januswundler. Um seine vermeintliche Kraft, um seine Nähe zum Neuen Gott. Um sein prophetisches Mitwirken an der sektiererischen Bewegung der Ianalisten unter Ahab Sangesmut. Fügt sich Jonas Godewitz in sein Schicksal? Und finden die Wissenschaftler eine Erklärung für das weltweite Phänomen des Kommens-und-Gehens, das sich bald nicht mehr nur auf Gegenstände richtet, sondern auch auf Gefühle, moralische Werte, Lebewesen? Reißen die fanatischen Ianalisten die Macht an sich? Wie reagieren die christlichen Kirchen? Nicht ob – sondern wann droht das Weltende?
Thomas Lappe
ca.205 Seiten, 109.000 Worte.
Ein komplexer Zusammenhang, ein Malta-Roman. Worum geht es? Zum einen ist da der wirre, jedoch gutmütige und erfolgreiche Geologie-Professor Tempera Tempero aus Catania, der kurz vor seiner Emeritierung allen Ernstes glaubt, zunächst an Kalkstein nachweisen zu können, dass es männliche und weibliche Steine gibt –, und der deshalb seine Karriere vorzeitig beendet, eine Arche für die Steine plant und seinen Adlatus Orfeo Cava mit, auf ein von ihm privat gechartertes und umgebautes, Schiff nimmt. Auf der Kalkstein-Insel Malta beginnt er seinen Beweiszug.
Zum zweiten ist da – gehalten in einer anderen Diktion – der fünfzigjährige Stefano Pili, Mailänder Gefängniswärter, der vom Mord an seinem geschiedenen Sohn Andrea entsetzt und erschüttert ist. Die Ex-Frau des Sohnes macht auf Malta Urlaub; er, Pili, verdächtigt sie, reist Titiana hinterher, will mit ihr über Zeugen und Täterschaft sprechen, mehr noch: Nach der Einsicht in ihre Unschuld verliebt er sich sogar in die zwanzig Jahre jüngere Ex-Schwiegertochter.
Zum dritten der zweite Sohn Pilis, der – als Stefano und seine Frau sich vor Jahren ebenfalls trennten – mit dieser nach Brescia ziehen musste und dort unter ärmlichsten Bedingungen aufwuchs. Pizzabote Matteo ist vom tiefen Hass auf den Vater und den älteren, als Anwalt so erfolgreichen Bruder Andrea, der in vermeintlich besseren Verhältnissen aufwuchs und ´alles hatte´, beseelt. Er sinnt auf Rache für sein armseliges Leben und folgt Pili auf die Insel.
Dort treffen die Handlungsstränge aufeinander. Der idealistische Prof. Tempero ist auf der Suche nach der Geschlechtlichkeit der Steine; einer Suche, der Orfeo (Mitarbeiter und kritisches Korrektiv) amüsiert und engagiert zuträgt. Seine Freizeit nutzt der Student, die Insel kennen zu lernen; dabei trifft er zufällig auf Pili, der seine traurige Geschichte erzählt. Ihre Wege kreuzen sich; Orfeo, Pili und Titiana beschließen, einen gemeinsamen Abend zu verbringen. Doch da passiert es: Ein Mann greift den Geologie-Studenten an und verletzt ihn; doch bald wird klar, dass der Täter gar nicht Orfeo meinte, sondern Pili. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt – und ein Zwiegespräch mit dem Tod.
Thomas Lappe
ca.190 Seiten, 102.000 Worte.
Quallenqualen/Trilogie Teil I (2003)
Rügen. Ein Mann kurz vor seinem vierzigsten Geburtstag, vor ein paar Tagen von seiner geliebten Lebensgefährtin verlassen, enttäuscht und wütend, steht am Strand von Sellin und versucht verzweifelt, seinen Freund Marco Holänder anzutelefonieren. Er hält es nicht aus, allein auf der Insel, wohin er sich geflüchtet und wo er sich in Sassnitz, in einem kleinen Appartment bei der Familie Altmann, einquartiert hat. Der Mann, Timo Glockengießer, hat Glück: Sein bester Freund, den er, seit er selbst nach Nürnberg gezogen ist – weit von der Heimat entfernt -, lange nicht mehr sah, hat überraschenderweise Zeit und Muße, ihm, Timo, nach Rügen zu folgen. Sie treffen sich dort, hausen in der Altmannschen Villa unterm Dach, verbringen einen Urlaub miteinander. Dieser ist nicht nur eine Folge grotesker und melancholischer Erlebnisse, er ist für beide Männer auch eine Reise in die eigene Vergangenheit. In einer Melange aus absurden und traurigen Szenen lernen sie nicht nur die Insel, sondern auch ihr eigenes Leben neu kennen. Dass die beiden, die ihre Freundschaft erst wieder entdecken müssen, mit dem wirren Familienleben der Altmanns nicht in Kontakt kommen, ist bezeichnend: Den Touristen wird bewusst, wie sehr Menschen nebeneinander her leben, und wie bezeichnend es für ihr eigenes Leben ist. Wo sind die Ideale der Jugend geblieben? Wer ist noch ein Freund? Was bedeuten einstige gemeinsame Erlebnisse in einem späteren Alltag?
Und wie, so der andere Handlungsstrang, geht ein älteres Ehepaar nach der Wende im Osten mit der pubertierenden Tochter um? Die großen und kleinen Katastrophen des Alltages werden beleuchtet. Die bizarre Erfindung des Tüftlers Erich Altmann (die niemand brauchen kann), die das Zusammenleben der Familie jedoch völlig dominiert – solche Zusammenhänge und Widersprüche prägen diesen Episodenroman.
Für Timo und Marco erschließt sich die Insel in Tagesreisen und nächtlichen Kneipenbesuchen. Dass sie noch nicht erwachsen geworden sind, wird ebenso deutlich wie die traurige Tatsache, dass Erich wieder in die Trotzphase seiner Kindheit zurückfällt. Die Gäste finden zusammen; die Familie droht zu zerbrechen.
Thomas Lappe
ca.140 Seiten, 65.600 Worte.
Als bei Adrian Zyprian, einem einarmigen, harmlosen und völlig unscheinbaren Pförtner des Energieversorgers OWE AG in Paderborn, ein obskurer, geheimisvoller Mann erscheint und ihm mitteilt, er, Adrian, sei der Tod höchstpersönlich, er habe bislang (wie die Menschheit auch) nur nichts davon gewusst, kann der Dreiundvierzigjährige bloß lachen und rätseln und einen Traum vermuten... Erst, als er trotz des Verschluckens einer Gräte und der vergeblichen Mühe des Notarztes, ihn wiederzubeleben, weiterlebt, beginnen Adrian und seine schwangere Frau Eva an die schreckliche Wahrheit zu glauben. Könnte er wirklich der Tod sein? Was würde das bedeuten?
Eva Zyprian, ihres langweiligen Daseins überdrüssig, beschließt, mit der unglaublichen Geschichte an die Presse zu gehen – und ruft ihre eigene Entlassung aus dem Reisebüro, in dem sie arbeitete, aber auch einen gewaltigen Medienrummel hervor. Ihr Mann wird vom führenden deutschen Fernsehsender engagiert und lebensbedrohlichen Tests unterworfen; er überlebt. Die Tür für eine sensationelle RealitySoap namens »Bannkreiß« und für den Irrsinn der modernen Medienwelt ist damit offen; nicht nur die Prominenten aller Berufe und Kontinente reißen sich darum, einmal mit dem Tod auf Du und Du in einer, bei Düsseldorf gebauten, Arena zu sitzen: im Bannkreis des Todes. Voller Angst. Oder Überheblichkeit. Da jedoch Adrian weder getötet, noch jemanden absichtlich töten kann, verkommt das Medienspektakel; die Einschaltquoten sinken von Monat zu Monat. Der Tod ist, nicht anders als früher: Alltag. Und was erleben die Menschen um Adrian Zyprian, wie leben sie? Wie, wenn überhaupt, verändert sich ihr Dasein, ihre Arbeit, ihr Weg zur Schule, ihre Freundschaften? Wie rasant verändert sich die politische, religiöse und soziale Welt angesichts eines so friedfertigen, sichtbaren Todes?
Fragen über Fragen, bis plötzlich doch noch etwas Unerwartetes geschieht: Eine königliche Dame stirbt im »Bannkreiß«, live. Ein letztes Mal schießen die Einschaltquoten in die Höhe. Ist der Tod doch nicht so harmlos? Hat er alle belogen? Wer ist dieser Adrian Zyprian, dieser Mann ohne Eigenschaften, wirklich?
Thomas Lappe
ca.205, 125.000 Worte.
Dass in den Feuersand dein Fuß nicht trete/Trilogie Teil II (2005)
Der schon aus dem Rügen-Roman »Quallenqualen« bekannte Antiheld Timo Glockengießer kehrt von der Insel nach Nürnberg zurück. Dort erwartet ihn ein Schock in Form eines Briefes: Während seiner Abwesenheit wurde ihm von der Firma gekündigt; er ist freigestellt und muss dringend neue Arbeit finden. Am Abend der Rückkehr hört er überdies seinen Anrufbeantworter ab und vernimmt so die schöne Stimme einer rätselhaften, ihm unbekannten Anruferin.
Der Telefon-Roman »Feuersand« entwickelt nun Timos Geschichte der nächsten drei Monate – seine verzweifelte, bitter an der bundesdeutschen Realität orientierte Arbeitssuche, die Telefonate mit der Unbekannten und die vielen Telefonate, die sich aus der „Bekanntschaft“ mit der unbekannten Cori im Laufe der Zeit erschließen: mit ihrer Schwester, ihrer Mutter, dem Kunstblumenverkäufer Florian Faserig, den Personalleitern von Firmen, mit Timos Ex-Freundin Laetizia und dem Rügen-Freund Marco Holänder. Es entsteht das verzweigte Gebilde menschlicher Beziehungen und Enttäuschungen, die Erinnerungen an frühere Jahre und die Reise nach Rügen spielen sich in grotesken und humorigen Fußnoten ab.
Im »Feuersand« wird nur geredet, ausschließlich, alle Zusammenhänge und Vorgänge entspinnen sich allein am Telefon. Handlung, Plot und die spannend-satirische Entwicklung, ob Timo wieder Arbeit bekommt, findet sich allein in den Fußnoten. Er freundet sich mit Florian Faserig an, der parallel eine Beziehung zu Coris Mutter, Helene Bartsch, anstrebt – und doch nicht. Einstens arbeitslos gewesen, hält er sich selbst, in seiner panisch-neurotischen Angst, erneut arbeitslos zu werden, anderen Menschen für nicht zumutbar. Es zieht ihn zu Helene, gleichzeitig weist er sie von sich.
Timo Glockengießer – der, wie alle anderen, eine Welt von Lügen aufbaut, um das Gesicht zu wahren – wird in diesen Beziehungskampf hineingezogen. Und wo ist die verschwundene Ehefrau Faserigs? Werden Timo und Cori sich je persönlich kennenlernen? Finden Florian und Helene zueinander?
Thomas Lappe
ca.160 Seiten, 46.000 Worte.
In der Sonne Hai-Kuhs/Trilogie Teil III (2005)
Der letzte, parodistische Teil der Glockengießer-Trilogie schließt zeitlich nahtlos an den zweiten an: Timo Glockengießer hat drei Monate einer beruflichen Freistellung hinter sich und beginnt zum ersten Januar in einer neuen Call-Center-Firma, der Astrolon-SimTech GmbH.
Von den abstrusen Vorgängen schon während des Vorstellungsgespräches nicht abgeschreckt, entpuppt sich das bizarre Erlanger Esoterik-Unternehmen im Laufe eines Jahres als Moloch, Gehirnwaschanlage und Irrenhaus gleichermaßen. Während der fiese Personalleiter Bogislav Kneijdersam die Mitarbeiter schikaniert, versucht Geschäftsführer Hubertus Wahalla mit grotesken, hirnrissigen Projekten, Kunden zu gewinnen. Timo wird Leiter eines Call-Center-Teams namens Postmortale Stressbewältigung. Weder er noch Wahalla wissen, was das sein soll, aber zahlende Auftraggeber gibt es schon: Die Mönche, also Gläubige der Urletzten Vorkirche.
Die Abenteuer rund um diese Kundengeschichte, die immer aberwitzigeren Projektideen, die skurilen Einrichtungen und Rituale bei Astrolon, eine Intrige gegen Glockengießer und nicht zuletzt das Wiedersehen mit einer alten Bekannten lassen das Astrolon-Jahr wie im Flug vergehen. Immer tiefer durchschaut der Neuling die Hinter- und Abgründe beim Marketingunternehmen Astrolon, immer tiefer verstrickt er sich jedoch auch in die Abhängigkeit. Die verquaste Esoterik-Sprache, mit der niemand wirklich etwas sagt, trägt ebensowenig zur Steigerung ihrer, nein: aller Glaubwürdigkeit bei, wie das, was sie in paradoxem Ernst täglich tun: Blödsinniges, an das man als Kunde nur glauben muss, um dafür zu bezahlen.
Glockengießer zerreibt sich im Anspruch, seinen neuen Job gut zu machen; doch seltsame Pflichten wie ein Diensttagebuch, regelmäßige pyroklastische Mundspülungen, kosmische Fixierung und der Besuch der Katalysator-Kammer lassen immer stärkere Zweifel am Verstand aller Beteiligten aufkommen. Dass das Unternehmen streng auf Vegetarier und Waage-Geborene setzt und alle Frauen nur Sandalen tragen dürfen, dient in diesem Fall nicht der Normalisierung einer durchgeknallten, enthemmten Berufswelt.
Thomas Lappe
ca.170 Seiten, 74.500 Worte.
Ein leiser Roman, der das Leben eines Wunderknaben und Antihelden beschreibt: Marius, Sohn von Grete und Karlheinz Operment, entpuppt sich bereits im Kindesalter als Genie der Farbe Blau.
Nürnberger Schul-, und Lehrzeit, Berufsleben – immer ist es das Blau, das er auf eine wundervolle und bezaubernde Weise – nämlich mit mühevoll erarbeiteter Pigmentkunst – für die Menschen sichtbar macht. Herzergreifend, unbezahlbar, einmalig. Es macht ihn berühmt, es macht ihn einsam. Denn warum er das vollbringt?
Um Annelie K., seine Geliebte seit Schülertagen, zu erringen. Er, getrieben vom Verlangen nach Liebe, wird zum Magier für das Mädchen, das in unerreichbarer Ferne zur Frau heranwächst, zur Verheirateten, zur Geschiedenen – bloß ohne ihn, an ihm vorbei. Ohne ihn wirklich zu beachten.
Ihr widmet er alles. Sein lebenslanges Ringen um die Farbe Blau ist tragisch: Dass selbst die atemberaubendste Kunst nur den Menschen anrührt, der dafür einen Blick und einen Sinn hat. Dem Künstler innewohnend ist das Prinzip des Scheiterns – das größte Wollen und Bestreben, die tiefste Ignoranz.
Der vierundvierzigjährige Marius Operment macht sich im Oktober 2004 auf nach Lindau, um die begehrte Annelie zu einer letzten Aussprache zu bewegen. Sie reagiert anders als er hofft, wehrt sich: Von einer Treppe herabgestürzt, endet für den Heißsporn der Tag im Krankenhaus. Und nicht nur der Tag: Wochen muss er liegen, selbst daheim in Nürnberg lassen ihn die Schmerzen nicht los.
Weshalb er Zeit hat: Um alte Briefe zu lesen, seine Wurzeln zu suchen, sich zu erinnern. Woher kommt sein Genie? Sein Wunsch, Annelie etwas zu beweisen? Wer waren seine Eltern, warum ist er der, der er wurde? Was steckt in uns, wenn wir nur intensiv genug nachforschen? Welche Potenziale, welche Deformationen?
»Der Farben Blau« schildert die Suche eines Untergehers nach sich selbst; bei Marius Operment führt sie geradewegs in die Selbstüberschätzung: Er wird – trotz der Attacke auf die Tochter – zum siebzigsten Geburtstag von Annelies Vater eingeladen, der das Leben eines kriegsgeschädigten Halbnazis führt. Die Feierstunde - das Gravitationszentrum des Romanes - gerät außer Kontrolle – dahin, dass Operment das blaue Geschenk, das er vorbereitet hat, bis zum bitteren Ende vorführt.
Thomas Lappe
ca.400 Seiten, 166.000 Worte.