"Es geht schon los" (2007)

56 Seiten,
Satireband, 5 Euro
Klappentext: "9-Mal erstklassige Realsatiren auf 56 Seiten - einer Satireheft-Serie aus dem HerJo-Verlag."
ISSN 1864-0826 Band 0002.
Als Print-Ausgabe gerne zu bestellen bei:
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Drei Beispiele und Leseproben aus obigem Sammelband:
Gegen den Strom (2006)
In meinem letzten Bericht aus dem Leben durfte ich stolz erzählen, die Atombombe gezündet zu haben. Ich dachte bislang immer – in meiner Naivität –, das sei die sozusagen ultimative Waffe, nach dem Motto: Da kommt dann nicht mehr viel. Aber, Asche auf mein Haupt, ich irrte. Ich kenne nämlich jetzt die stärkste aller noch stärkeren Waffen: Kinderwagen.
Abgesehen davon, dass der Inhalt derselben so manch gestandenen Mann schreiend davonrennen lässt, sind Kinderwagen ja gewissermaßen das bolzigste und perfideste Etwas, was sich im gemeinen hiesigen Allerweltskaufhausgetümmel denken lässt. Oder auf dem Bürgersteig, an der Ampel oder in der Fußgängerzone. Während (vor allem) mann ja früher immer Stewardessen wohlig schaudernd als „Saftschubsen“ diffamierte, darf dies getrost auf die Besitzerinnen von Kinderwagen übertragen werden, ohne schlechtes Gewissen oder falsche emanzipatorische Rücksichtnahme. Ich finde: Seit immer weniger Kinder geboren werden und daher die tatsächlichen Mütter um ihren exotischen, geradezu außerirdischen Sonderstatus wissen – mehr denn je –, ist die angriffslustige Schubsigkeit von Kinderwagen in militanten Gradationen gestiegen.
Es ist täglich und allerorts zu beobachten, wie aus liebenden Frauen geradezu kleinstterroristische „Babyschubsen“ werden. Da kann man nicht mehr an sich halten (sondern sich nur noch unterwerfen), wenn die notwendigen Gesetze der gegenseitigen Rücksichtnahme mit dem Hinweis, man (vor allem: „man“) sei Mutter mit Kind, ins Allerhöflichste und damit Unspürbare wegkompensiert werden. Mit anderen Worten: Babyschubsen ohne Rücksicht auf Kniescheibe, Wade oder Stöckelschuhe Halbfahrzeuge vierrädriger Couleur, besetzt mit knuddeligen Halbwesen, ungehindert in Kniescheiben, Waden oder Stöckelschuhe rammen. Alle halbe Minute.
Thomas Lappe
Satirebeginn von: "Gegen den Strom"
Gefühltes, oder warum Erdbeertorte-essen-Sollen maukig ist (2006)
Man muss völlig unbedingt mit dem Schlimmsten beginnen, wenn man über Gefühle berichtet, die gefühlt werden können, aber eigentlich gar nicht vorhanden sind. Vor launig-geraumer Zeit entwickelte sich hierzulande die sprachliche Marotte, nämlich, ein pseudoadjektivisches Gebrämsel vor möglichst tabubrechende Schlimmigkeiten zu setzen. Also, das schlimmste als Beispiel gleich vorweg: gefühlter Tod. Natürlich begann das in der Realität nicht so.
Es begann mit der Formulierung gefühlte Arbeitslosigkeit. Glaube ich. Und ich glaube, dieser Glaube hat Hand und Fuß, oder so ähnlich. Gefühlte Arbeitslosigkeit. Vielleicht war es auch gefühlte Inflation – damals, als der Euro eingeführt wurde. Könnte auch Hand und Fuß haben, ist nämlich egal. Mit anderem, früher üblichem Wort, es geht um: Angst. Aber Angst hat ja heute jeder der morgens aus dem Haus geht, also ist Angst zu läppisch und nichtssagend, also unjournalistisch. Wir leben ja gewissermaßen in einem Angstländle, reden wir uns gegenseitig ein. Was soll uns da noch schocken, wo wir doch ständig geschockt sein wollen, weil Geschocktsein so schön mitfühlbar ist?
Nein, das richtige Bedrohtheitsgewinsel stellt sich neuerdings erst ein, wenn wir fühlen, wie fühlig es wäre, bestimmte Ereignisse oder Dinge oder so erleben zu müssen. Selbstverständlich sind das immer negative Ereignisse, also: gefühlter Tod, gefühlte Arbeitslosigkeit, gefühlte Inflation, gefühltes Erdbeertorte-Essen. Jawohl: Erdbeertorte-Essen. Ich mag das jetzt nicht begründen; das gründelt in meiner Biographie ganz tief schlummernd. Aber für mich ist Erdbeertorte-essen-Dürfen unweigerlich Erdbeertorteessen-Müssen, und allein das zu fühlen, rechtfertigt doch tatsächlich im nachhinein die sprachliche Einführung der hier beschriebenen adjektivisch-gefühlten Wortbomben.
Thomas Lappe
Satirebeginn von: "Gefühltes, oder warum Erdbeertorte-essen-Sollen maukig ist"
Glücklich, wer so glücklich ist (2006)
Wandern macht Freude, wenn es nur zehn Minuten dauert, behaupte ich mit der Inbrunst der Unwandrigkeit, aber die fünf Frauen, von denen ich gehört habe, wussten das wohl nicht. Es hätte ihnen auch keiner erklären mögen, und zwar erst recht nicht Gundel Kiepner-Rutgowski. Besagte, ziemlich achtunddreißigjährige Dame profitiert davon, dass viele nicht wahr haben wollen, dass in der Kürze die Würze liegt, wie man so sagt, wenn man ´In der Kürze liegt die Würze´ sagt. Was macht Gundel Kiepner-Rutgowski, dass sie so auskunftsunfreudig ist?
»Frauen-Glückswanderungen«.
Ich stieß auf ihre Werbeanzeige in der hiesigen Tagespresse, in welcher sie vollmundig verspricht, für nur dreihundertachtzig Euro verschaffe sie schlaffen Frauen einen eintägigen Güterzugschub an Glückshormonen, welcher die alltagsmalträtierten Körper quasi durchpulsare bis zum Geht-nicht-mehr-Glücklich. Ich habe ihr das geglaubt. Werbung muss ja nicht immer lügen. Das ist ein altes Vorurteil, dass Werbung sowieso immer nur lüge – in die Welt gesetzt von den Werbeagenturen selbst, damit die Kreativen in den Werbeagenturen schreiben dürfen was sie wollen, was sie deshalb wollen, weil ihnen Gutes und Richtiges sowieso nicht einfällt (der geblendete Kunde aber glücklich sein soll). Wenn man diesen agentürlichen Determinismus von Anzeigen mal kapiert hat, glaubt man dann auch wieder der Werbung. Ich also.
»Frauen-Glückswanderungen«. Ich sehe unmittelbar fünf weibliche – natürlich traurige, müde, erschöpfte, erschlaffte, kraftlose, melancholische, verbitterte, müsligeknabberthabende, schulter-hängende – Gestaltinnen vor mir, die natürlich traurig, müde, erschöpft usw. Gundel Kiepner-Rutgowski umringen, welche glücklich, hellwach, stark, durchtrainiert, fröhlich, fröhlich, fröhlich, müsligeknabberthabend und weiblich in ihrer Mitte steht. Bei »Frauen-Glückswanderungen« muss das so sein, denn sonst hätten sie keinen näheren Sinn. Eine »Frauen-Glückswanderung« (Männer schon in der Anzeige ausdrücklich ausgeschlossen) ist ein wandelndes vielbeiniges Vorurteil, aber frau darf damit freilich kokettieren. Selbst, wenn es nicht ganz billig ist.
Thomas Lappe
Satirebeginn von: "Glücklich, wer so glücklich ist"