Leseproben aus: zwei ausgewählte Theaterstücke
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"Unbeherrscht doch Furcht, die maßlos wird" (aus dem Band "Verbundkopf")
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"Und übrig ich und er" (aus dem Band "Verbundkopf")
Unbeherrscht doch Furcht, die maßlos wird (2005)
Eine weite Wüstenebene, Felsbrocken, felsige Hügel. Mittagshitze. Sand. Auf einem soliden, mit Sonnensegel ausgestatteten und mit Flaggen geschmückten Podest samt Computern, Yuccapalme im Topf, Kühlschrank und Popcorn-Maschine: der König und Soldaten. Gespanntes Warten, alle blicken in eine Richtung. Ein enger Vertrauter, der Adjudant, trägt des Königs Lieblingspuppe auf dem Arm; es ist eine große schwarzhaarige Puppe.
MAINTAU (begeistert): Dieses Schauspiel – seid Ihr soweit, Sire?
JOHANN: Hauptsache, Ihr seid es, General. Gebt Lunte. Oder wollt Ihr mich durch Hitze schwächen?
Der General winkt einem Untergebenen zu, der spricht in ein Funkgerät. Alle recken die Hälse, warten.
JOHANN (jammernd): Ich hör ja gar nichts. Was ist das für ein Spektakel, das nicht über alle Grenzen unseres Reiches schallt? Mehr Schmackes, bitte, oder wollt Ihr spürn, was unter kräftgem Wirken ich mir vorstell? Und, Claude, gebt mir gefälligst Lady Macbeth –.
MAINTAU: Sire, verzeiht, es gibt nichts zu hören. Die Explosion findet in zehn Kilometern Tiefe statt. Der Test ist –.
Der Adjudant reicht dem König unterdessen die Puppe. Der nimmt sie in den Arm, streichelt ihr Haar.
JOHANN (verärgert): Was? Wen wollt Ihr damit beeindrucken? Ich stelle mir Getöse und Schlachtenlärm vor, und Ihr denkt an Euer Schlafgewinsel. Ihr Memmen. Ihr widerlichen Ratten, die Ihr nichtmal quieken könnt. Rumpelt´s wenigstens ein bisschen?
MAINTAU: Ein, zwei Sekunden Geduld, Sire... jetzt.
JOHANN (stöhnt auf): Aaah, ja... endlich. Jetzt weiß ich, was Ihr meint... Wenn Ihr ein Satz wärt, General, ich würd Euch unterstreichen. Ich spüre das Gerüst beben. Oh, jaaa... Und solches Beben, das bestimme ich, soll´s Beben aller werden, die nicht mit uns sind. Wie klein sind die Bunker Buster, General?
MAINTAU (breitet ein wenig die Arme aus): So klein. Winzig. Nicht der Rede wert –.
JOHANN (aufbrausend) Nicht der Rede wert? General, es will mir scheinen, Ihr redet Euch diesmal um Kopf und Kragen. Wenn nicht unsere Atombömbchen der Rede wert sind, was dann?
MAINTAU: Sire, verdreht mir nicht das Wort im Munde, bitte. Wir sprachen über Größe, nicht Bedeutung.
JOHANN: General Maintau, Größe ist Bedeutung. Je kleiner, desto bedeutender – je flexibler, desto bedeutender – je tödlicher, desto bedeutender. Antwortet mir: Wie tödlich sind die Mini-Nukes?
MAINTAU (wendet sich an einen Untergebenen): Herr Oberst, wie tödlich sind sie? Richtig, ziemlich oder ziemlich ziemlich?
OBERST: Herr General, es kommt darauf an –.
JOHANN: Worauf?
OBERST: Wer sie abkriegt.
Thomas Lappe
Beginn des 1. Aktes, I. Szene des Stückes: "Unbeherrscht doch Furcht, die maßlos wird"
Und übrig ich und er (2005)
Gaststätte, etwa ein dutzend Tische, rustikale Einrichtung, alt. Lump und Tabea sitzen an einem der Tische, sie essen Schäufele. Auf dem Tisch brennende Kerzen. Gefüllte Biergläser. Keine anderen Gäste, späte Stunde.
LUMP (schmatzend): Oh, diese leckre Krustigkeit.
TABEA (schmatzend): Vorzüglich.
LUMP: So wie Ihr.
TABEA: Wie ich?
LUMP: So knackig, saftig, schmatzig.
TABEA (kichernd): Ihr Lump...
LUMP: Oh, Ihr mein Schäufele –.
TABEA: Oh, Ihr mein Schäufele.
LUMP: Sagt, Tabea, gefällt´s Euch heut?
TABEA (kauend): Vorzüglich.
LUMP: Auch ohne Leut?
TABEA: Erst recht. Wir sind allein, was selten ist.
LUMP: Nun, fast. Koch Rochus muss noch ausharren.
TABEA: Schickt ihn doch nach Haus, es ist spät –.
LUMP: Wie käm ich dazu? So sieht er seinen Herrn bei schwerer Arbeit sitzen, da kann doch er nicht einfach gehen.
TABEA: Obacht, Justus, wenn einer Gräten bricht in diesem Haus, dann ist´s der Koch. Man sagt es mir, ich sprach zu vielen: Ihr seid zu hart zu Euren Leuten, wirklich...
LUMP: Unsinn, meine liebste Gazelle. Hart? Wie diese Kruste hier, ja. Wer heute weich ist, weicht zu schnell. Man muss die Knechte richtig knacken, sonst werden sie von innen weich und kriecherisch –.
TABEA: Ihr werdet´s sehen, Justus, ohne Nachsicht keine Rücksicht... (trinkt) Nun, wir saßen, von allem Anfang abgesehen, selten so wie jetzt...
LUMP: Je, mir fehlt die Zeit; Ihr wisst, das Haus hat lang geöffnet Tag für Tag, die Gäste kommen, gehn und wolln ihr Fresschen haben...
TABEA: Wohl wahr, einer muss ja dafür sorgen, dass die saftge Haut gepellt wird. Nicht von ungefähr seid Ihr berühmt für deftge Küche hier im Ort – Ihr sagtet, und ich seh´s, sie komm´n von Nah und Fern...
LUMP: Nun, ohne mich hätte ich das nie geschafft; glaubt´s, wir planen noch ein weitres Haus, im Norden, und das Konzept von hier soll dort auch greifen.. Aber fort mit diesem geschäftlichen Geschwätz (schwärmerisch): Wenn ich in Eure Kulleraugen seh, da werdn die meinen ganz klebrig... Apropos...
TABEA: Ihr habt ´was auf dem Herzen, sprecht. Lasst mich wissen, wes´ Po Ihr meint.
LUMP: Nur einen, den Euren natürlich. (räuspert sich) Ich sagte apropos, weil dieses schöne Licht hier, dieser Raum, das Tafeln mit Euch und ein Schäufele, das Gargantua überfordert hätte... und dessen schäufliges Verschwinden in Eurem lieblich-glänzend Mund den meinen, geifernd, spiegelt... dass, wie will ich sagen... hab ich´s schon gesagt?, nein?, also ich will´s wissen, Gazellchen... (feierlich), Tabea, sag ich, Tabea, frag ich... hört Ihr mir zu?, ich frag Euch: Wollt Ihr meine Frau werden?
TABEA (lacht auf): Was war das für eine Frage?
LUMP: Bitte...
TABEA: War das (schmatzend) die Frage?
LUMP: So sagt –.
TABEA: Auf diese Frage mögt Ihr eine Antwort?
LUMP: Ja, hier und jetzt.
Thomas Lappe
Beginn des 1. Aktes, I. Szene des Stückes: "Und übrig ich und er"