Leselampe: Was zu lesen sich lohnt, so Sie mögen
Subjektiv, kurz, unabhängig – nachstehend meine ganz persönlichen Kritiken und Rezensionen belletristischer Bücher (erstellt seit 1. April 2008 in autoren-alphabetischer Reihenfolge).
Keine ist länger als programmatische 400 Zeichen. Jede schließt mit einer (ja, zuweilen sich ändernden) Schulnoten-Bewertung von 1+ ("tolles Buch für die einsame Insel") bis 6- ("ersparenswerter Ballast").
Gedacht als Lese- und Buchtipps und als Diskussionsgrundlage. Wie gut letztlich, dass sich über literarischen Geschmack so nett streiten lässt. Wer ihn teilt, wird hier klare Pros und Contras finden - wer nicht, liest eh anderes. Und wer mehr lesen mag: Ich habe mir erlaubt, am Fuß dieser Seite auf einige Literatur-Pages zu verlinken.
Neue(ste) Buchrezension(en): am 8. Februar 2012 (aktuellste Einträge = NEU = sind zunächst anfangs aufgelistet)
NEU! Fred d´Aguiar (*1960): »Futter für die Geister«
Seefahrt-, Ethik- und Gerichts-Roman über das Sklavenschiff ›Zong‹, auf dem der Kapitän um 1830 kranke ›Ware‹ lebend über Bord wirft; die Afrikanerin Mintah überlebt und revoltiert. Der stilistisch phasenweise lyrisch anmutende Text schildert die Brutalität des Sklavenhandels, Ängste, Hoffnungen. Leider erzählt am Schluss Mintah alles Bekannte aus ihrer Perspektive erneut. Dennoch ein lesenswerter Roman.
BW: 3-
Roman, 1998, als 279 Seiten
NEU! Roberto Bolano (*1953): »2666«
Buchkoloss über den ›verschollenen‹ Dichter Archimboldi. Der wird von vier Germanisten gesucht, was in eine mexikanische, mordreiche Kleinstadt führt, zu Journalisten usw. usw. Doch: Nach nur 90, stilistisch zwar guten Seiten war Schluss: unlesbare, selbstverliebte Handlungsfäden, eine Ereignisreihung ohne Spannung oder Sinngebung. Die Lobhudelei in den Medien, mir ein Rätsel. Enttäuschend.
BW: 4-
Roman, 2009, als TB 1195 Seiten
NEU! Jerzy Kosinski (1933-1991): »Der bemalte Vogel«
Ein 6-jähriger Pole, dunkelhäutig und als jüdisch verschrien, erlebt den II.Weltkrieg brutalst. Der Ich-Erzähler verstummt angesichts des Grauens, muss fliehen durch ein zerrüttetes, nur Gewalt kennendes Land. Was er wie in Trance erlebt, spottet aller Worte und Moral. Nur für hartgesottene Leser: dialogloser Roman, der die Widerwärtigkeit des Menschen zeigt. Man vergisst das Buch nie.
BW: 1-
Roman, 1965, als TB 201 Seiten
NEU! Ian McEwan (*1948): »Der Strand«
Der überbewertete, durch retardierende Passagen „aufgeblähte“ Roman schildert die Hochzeitsnacht von Florence und Edward. 1962 am Strand von Chesil Beach: Die Frischvermählten erleben ein erotisches Desaster (das sich dann in die Zukunft auswirkt), als die prüde, verängstigte Florence den Eheakt verweigert. Mir scheint´s aufgesetzt, unglaubwürdig. Viele Fehlentscheidungen brechen sich Bahn…? Nun ja.
BW: 4+
Roman, 2007, 207 Seiten
NEU! Antonio M. Molina (*1956): »Mondwind«
Spanien im Rückblick: bettelarm, bäuerlich-ungebildet – dort wächst Munos auf. Der Pubertierende träumt sich fort: zur Mondlandung 1969. Mit (über-ausführlicher) Detailliebe wird melancholisch rekapituliert; alles im Bezug auf die technischen Errungenschaften der Moderne. Mir viel zu betulich-unmodern erzählt – schön indes die Atmosphäre eines romantisch verklärten, ländlichen Andalusiens.
BW: 3-
Roman, 2006, als TB 335 Seiten
NEU! David Peace (*1967): »Damned United«
B.Clough ist der neue Fußball-Coach bei Leeds United, und alles wandelt sich in einen Albtraum. Er war einst Meistertrainer – 1974 übernimmt er den Leeds-Job, für 44 Tage; überwirft sich mit allen, verliert. Ein spannendes Stakkato an Ereignissen und Namen, ein grandioser, intelligenter Sportroman. Prosodisch-abgehackter Stil – nervig nur das ständige Wort ›verfickt‹ (obwohl authentisch übersetzt).
BW: 3
Roman, 2011, als TB 512 Seiten
NEU! Daniel Asa Rose (*unbekannt): »Larrys Niere, oder…«
Cousin Larry bittet den Erzähler DAR, ihn nach China zu begleiten: Dort muss für Larry illegal eine Transplantations-Niere gefunden werden. Einblicke in Chinas Kultur –, viel Familienpsychologie, Bespitzelung, und Liebe. Das Buch lebt von der US-Sicht auf die vermeintliche(!) Skurrilität Chinas, und medizinischen Verwicklungen. Nur, was will es uns mehr als das sagen? Nichts zum Hyperventilieren.
BW: 4+
Roadmovie-Buch, 2009, als TB 408 Seiten
NEU! Gary Shteyngart (*unbekannt): »Super Sad True Love Story«
Provokatives Buch in der (vorstellbaren!) Zukunft einer menschenverachtenden, von China geknechteten USA. Alles und jeder ist nur noch online. Der antiquierte Buch!fan Lenny A. ist verliebt in Eunice, als in Manhattan Gewaltunruhen ausbrechen und alles in Frage stellen. Auch die Liebe. Sucht Eunice jetzt Sicherheit bei einem anderen Mann? Zynisch, ein klasse antiutopischer Roman.
BW: 2
Roman, 2011, 464 Seiten
NEU! William T. Vollmann (*1959): »Afghanistan Picture Show oder…«
Ein junger Amerikaner will Afghanistan 1979 erleben – und schließt sich naiv und empört den Mudschahedin gegen die Russen an. Er will ›die Welt retten‹. Reportagehafter Roman, der lehrreich das vorhersagbare Scheitern eines Idealisten zeigt. Spannend, reflektierend und detailliert, leidet das Buch aber an der (verständlichen) Subjektivität, die für ein gewisses Verstehen, aber keinen moralischen Impetus sorgt.
BW: 3
Roman, 1992, als TB 359 Seiten
NEU! Josef Winkler (*1953): »Die Realität so sagen…«
Die Anfeindungen, als JW über die verhärmte, literaturfeindliche Kärntner Bauernwelt schrieb, sein Kindsein und Sich-Frei-Schreiben aus dem ›Hinterwäldlertum‹. Er erhielt 2008 den Büchner-Preis – hier schildert JW sein Woher, seine Nekrophilie, seine Selbstmordabsichten, die Vorbilder Chaim Soutine und Jean Genet. Radikal, abschweifend und mitreißend; seine Homoerotik bleibt allerdings außen vor.
BW: 2-
Autobiographie, 2011, 163 Seiten
NEU! Christa Wolf (*1929): »Stadt der Engel«
Anfang der 1990er-Jahre lebt CW in Los Angeles: Sie resümiert den Mauerfall ´89, wie der auf Amerikaner wirkt – und damit, letztlich, ihr Schreiben und ihre ›Verstrickung‹ ins DDR-Regime. Welche Rolle maß man ihr zu, wie sah sie selbst sich? Ein authentisches Erinnerungswerk, ziseliert, stilistisch brillant, aber langatmig. Wie muss man ein Leben leben, damit es ›trotz Falschheit ein richtiges‹ ist?
BW: 3+
Roman, 2010, 416 Seiten
Aravind Adiga (*1974): »Der weiße Tiger«
Der kluge Balram H. schildert (sieben Nächte lang) seinen dramatischen Weg vom hoffnungslos armen indischen Kasten-Jungen zum Chauffeur, Diener und reichen Geschäftsmann. Wie er im modernen, widersprüchlichen Dehli seinem Elend nur entkommen kann, indem er mordet. Sarkastisch, fies, humorvoll, traurig und moralisch fragwürdig ist es ein Aufschrei gegen Sklaventum und verprassten Reichtum.
BW: 2-
Roman, 2008, als TB 320 Seiten
Stephen Amidon (*1959): »Der Sündenfall«
(Pseudo-)Familientragödie um den US-Immobilienmakler Drew Hagel, der alles Geld auf eine (falsche) Aktien-Karte setzt und erfährt, dass seine Tochter und des Aktienverwalters Sohn liiert sind und einen schweren Unfall haben. Vorhersehbarer, mehrsträngiger Ablauf, simpler Stil –, nein, nicht mit J.Franzen vergleichbar. Bieder und eher kein Sündenfall; trotz aller Ambitioniertheit geradezu fad.
BW: 4-
Roman, 2004, 478 Seiten
Ingeborg Bachmann (1926-1973): »Ich weiß keine bessere Welt«
Keine bessere Welt – nur, wie in ihr zurechtkommen? IBs unautorisierte Angst-Lyrik wird skandalisiert, ihr immanenter Sog bleibt. Die Nachlass-Edition sei ein heuchlerisches „Trümmerfeld“, unausgereifte Texte seien „gar keine“ Gedichte. Wirklich? Ich meine: vom Bersten der Schmerzen sich fesseln lassen, dann den eigenen Voyeurismus beurteilen. IB ist in ihren Fragmenten besser als viele lyrisch „Vollendete“.
BW im Bewusstsein, dass Lyrik stimmungsabhängig ist: 2
Lyrik-Sammlung 1962-1964, 197 Seiten
Gerbrand Bakker (*1962): »Oben ist es still«
Entschleunigender Niederlande-Roman um Helmer, der den todkranken Vater ins Haus-Obergeschoss „verfrachtet“ und unten sein neues Leben (als Bauer) beginnt. Alles ist unaufgeregt, bis ihm seine Schwägerin ihren pubertierenden Sohn sendet: den soll Helmer aufnehmen und mit-erziehen. Es geht um Erinnerungen und Sterbebegleitung, um das Sich-Einrichten im Leben, das im besten Sinne erträumt ist. Sehr gut.
BW: 3+
Roman, 2008, als TB 316 Seiten
Jürgen Becker (*1932): »In der verbleibenden Zeit«
In neun Kapiteln subsummiert der vielfach preisgekrönte JB seinen Zwischenstand der Welt; da gibt es weite, sensibel zu betrachtende lyrische Felder wie: Reise, Landverluste, Gegenden, Winterkämpfe oder Innen und Außen –, zwar erschien der Band vor über 30 Jahren, doch aktuell sind die Themen, weil sie es immer sind. JB spielt auf der Klaviatur allen lyrischen Könnens; solche Lyrik lesen lohnt!
BW im Bewusstsein, dass Lyrik stimmungsabhängig ist: 2-
Lyrik-Sammlung, 1979, 125 Seiten
Louis Begley (*1933): »Mistlers Abschied«
„Die Arbeit des Herrn“ – Gottes unsentimentales Werk ist des 60jährigen Mistlers Leberkrebs, eine letzte Urlaubswoche in Venedig der zu bearbeitende Acker. Mistler: der Snob, der Ästhet und Frauenheld, der ohne Selbstmitleid sein Sterben maschinell angeht wie einen Werbejob. Ein letztes paar Mal Sex, das Abwägen von Gewinn und Verlust, Venedig ist nur Kulisse. Kühl, distant, für mich: enttäuschend-langweilig.
BW: 5+
Roman, 1998, als TB: 284 Seiten
Thomas Bernhard (1931-89): »Auslöschung«
TBs geniale Schimpforgie: sein diamantener Hass auf Österreich, die Familie, Nazis, Historie, die Welt, das Weltall und alles andere auch. Ein Hochgenuss bitterster Wut, deren Monstrosität in Überdruss kippt; ein Vademekum der Verachtung. Icherzähler Murau übertreibt zum Gotterbarmen; seiner Eltern Begräbnis ist der Katalysator allen Zerfalls (immerhin, wenn alles solcher Wut wert ist, wird´s bestimmt besser).
BW: 2+
Roman, 1988, 651 Seiten
Thomas Bernhard (1931-89): »Autobiographie«
Muss man gelesen haben, um – abgesehen von TBs Genialität – zu verstehen, woher er kam und wurde, wie er war. Wer TB mag, wird sein monströses Jugendfazit lieben: Salzburg-Hass, Hass auf Spießertum, Nazizeit, Krieg, auf alles. Vierhundert Pöbelseiten – und viel Liebe zu dem, was dann noch übrig bleibt: Musik, Dichtung, seine Häuser, Tiere. Pflicht – andere werden deshalb aber nicht zum TB-Fan werden.
BW: 2-
Autobiographie in fünf Teil-Erzählungen, 2009, 651 Seiten
Thomas Bernhard (1931-89): »Meine Preise«
TB rührt einen als Grantler, als menschlicher. Fünf Literaturpreis-Verleihungen erinnert er 1980 und verbindet jeden mit skurrilen, bösen, übertriebenen Episoden und Anekdoten (und seiner Tante). Die Bloßstellung der Preisgeber und die Verachtung einzelner Städte ist was: Genie-Eitelkeit, Häme, Selbstüberschätzung? Fishing for compliments? Jedenfalls spaßig zu lesen – vor allem die Reden am Schluss.
BW: 3
Nachlass-Kompendium samt Anhang, 2009, als TB 139 Seiten
Sybille Berg (*1964): »Die Fahrt«
Sensibelste Reflexionsfäden über das heimatlose Altwerden ab 40 – zu einem Depri-Teppich verwoben. Stil: süchtig machend. Die desillusionierten Figuren suchen in 79 Episoden nach dem Besonderssein und Glück, geistern über den exotischen Globus. Nur Fluchten, Angst, Hass. Alle Fehler wurden gemacht. Bloß, wer sich in diesen wohlstandsprivilegierten Jammer-Porträts wiederfindet, hat schon verloren.
BW: Je nach eigener Stimmung 2+ oder 5+
Roman, 2007, als TB 346 Seiten
Sybille Berg (*1964): »Ende gut«
Für SB ist alles Überdruss und alternativlos, alles Wunde – nur legt sie keinen Finger hinein, sondern den ganzen Körper: Zivilisationsekel und Vanitas in Entblößungs-Abstufungen, nichts wird ausgelassen. Diese Höllenkreise muss man mögen – wenn aber, erscheint SB als Menetekel. Ein Endzeitwelt-Roman, der nur in Sachen Liebe etwas versöhnlicher wird; ein Mosaik aus Zivilisationshass. Konsequent wie T. Bernhard.
BW: Je nach eigener Stimmung 1+ oder 4+
Roman, 2004, als TB 336 Seiten
Marcel Beyer (*1965): »Kaltenburg«
Schließe mich den Hymnen nicht an: Ornithologie ist sehr interessant, aber nicht als verkapptes Konrad-Lorenz-Vogelbuch, das ein Roman sein soll. H.Funk und Gattin rapportieren (des Zoologen) L.Kaltenburgs Kindheit und DDR-Nachkriegsleben in Dresden. Leider: nach furiosem Start konsequent langweilig und penibel-professorenhaft. Ich ertappte mich, immer mehr Seiten zu überspringen.
BW:4+
Roman, 2008, als TB 397 Seiten
Rolf Bläsing (*1958): »Der Halbmarathon-Mann«
Operation Conquest: IT-Angestellter Rimbach wählt die blödeste aller Frauen-Eroberungen – jenen Sport, den man nur lieben oder hassen kann: Laufen. Um mit Kollegin Julia zum Altar zu joggen, quält er sich und den Leser mit allen oberlehrerhaften Erfahrungen, die ein Marathoni (und Häuslebauer) machen muss. Wen´s interessiert, der kann sogar ein paar Mal lachen … ein selten reaktionäres, dämliches Buch.
BW: Seichtes U-Bahn-Schmöker-Genre, ohne ernsthafte Bewertung
Roman, 2008, als TB 268 Seiten
Otto A. Böhmer (*1949): »Wenn die Eintracht spielt«
Erich-Fried-Preisträger OAB aus dem schrägen Leben. Der kauzig-melancholische Eintracht-Fan R. Klugmann trägt stets ein Spielertrikot und liebt seine Therapeutin. Es überholt ihn seine verdrängte Vergangenheit; in Frankfurt (zur WM-Zeit 2006) sucht er nach der einstigen Liebe – mit Überraschung. Melancholisch und mit stilistischen Highlights. Schmökerig, larmoyant, nicht nur für kalauernde Fußballfans.
BW: 3
Roman, 2007, als TB 208 Seiten
Roberto Bolano (*1953): »Die wilden Detektive«
Was will uns dieser Mexiko-Roman sagen? Es geht um die literarisch-anarchische Gruppe der „Viszerealisten“, um ihre Anführer U.Lima und A.Belano, um eine greise Dichterin, die 1975 gesucht wird, um den 17jährigen G.Madero, studentisches Leben, um die Sonora-Wüste. Na und? Nach 300 von 700 Seiten erschloss sich mir noch immer nicht, warum ich dieses dreigeteilte Werk lesen soll – es lässt ratlos zurück.
BW: 4-
Roman, 1998, als TB 784 Seiten
Joseph Boyden (*1967), »Der lange Weg«
I.Weltkrieg – zwei Cree-Indianer kämpfen in Flandern: Xavier ist eher Mitläufer, Elijah Scharfschütze. Xavier kehrt morphinsüchtig und invalid zurück, wird von seiner Tante gepflegt; warum aber kam der Freund nicht heim? Zwei Handlungsstränge, die die Kriegswelt und die vermeintlich „heile“ kanadische Waldwelt konfrontieren: spannend, brutalst, alles in allem aber zu Schwarzweiß und zu simpel.
BW: 3-
Roman, 2005, als TB 443 Seiten
Tom Coraghessan Boyle (*1948): »Wassermusik«
TCBs Fabuliergipfel um die Niger-Expeditionen des Schotten Park, dessen wartende Frau Ailie und das Schicksal des Londoner Trickbetrügers Rise. Alle drei Stränge vereinen sich 1800 zum Absurdium menschlicher Entdeckerlust und (gescheiterter) Hoffnungen. Witzig, modern, ironisch und von verwobener Komplexität, die in den Urwald-Bann zieht. Ein dschungeliges Meisterwerk zivilisatorischer Bloßstellung.
BW: 1-
Roman, 1980, als TB 560 Seiten
Tom Coraghessan Boyle (*1948): »Grün ist die Hoffnung«
Ein köstlich-ironisches Feuerwerk galligen Humors! Drei Loser-Hippies bauen nahe San Francisco heimlich Marihuana an, doch so grün ihre Geldgier, so grün sind sie hinter den Ohren. Botanische Experten ersten Ranges, wird ihr Projekt ein Misserfolg sondergleichen! Das zu lesen, wird zum Roman subversiver Spott- und Abenteuer-Lust –, aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.
BW: 2
Roman, 1984, als TB 442 Seiten
Tom Coraghessan Boyle (*1948): »Riven Rock«
Wegen sexuellen Wahns wird der steinreiche McCormick von inkompetenten Psychologen in seiner Familienvilla „Riven Rock“ malträtiert: Er darf 20 Jahre keine Frau sehen. TCB imaginiert perfekt alle Sinne: Hören, Schmecken, Riechen; ein unterhaltsames Zauberwerk grandiosen, skurrilen, sinnlichen Aberwitzes. Eine Slapstick-Szene nach der anderen, witzig, handlungsreich und immer wieder überraschend.
BW: 2+
Roman, 1998, als TB 564 Seiten
Tom Coraghessan Boyle (*1948): »Dr. Sex«
Weniger guter Roman von TCB. Und nicht von W.Richter übersetzt: Da geht viel(!) verloren, oft sogar der Witz. John Milk – der fiktive Adlat des fanatischen Sexperten Dr. Kinsey – berichtet über seine sexuelle Initiation, seine Ehetragik (begründet in blinder Loyalität zum Chef) und die Bigotterie der 50er USA-Jahre. Nun ja, dieser Roman wirkt künstlich-trocken und, für TCB´s Niveau, erstaunlich unironisch.
BW: 3-
Roman, 2005, als TB 460 Seiten
Tom Coraghessan Boyle (*1948): »Die Frauen«
Abermals misslungener Roman von TCB (wieder nicht von W.Richter übersetzt). Der berühmte US-Architekt Frank L. Wright und seine Frauengeschichten stehen im Mittelpunkt. Nur wovon?, fragt sich der Leser. Ein Sammelsurium von Frauen-Anekdoten; eine Aneinanderreihung, die Dramatik vermitteln soll. Doch wo ist der Boylesche Witz? Seine süffisante Menschenliebe? Nirgends. TCB, such endlich wieder guten Stoff!
BW: 5+
Roman, 2009, 590 Seiten
Hermann Bräuer (*1968): »Haarweg zur Hölle«
Belangloser, zuweilen zwar lustiger Roman über Jugendliche im Selbstfindungsprozess: Sie gründen – untermalt von Slapsticks und Kalauern – eine Metall-Rockband. Deren typisches Genre-Personal besteht aus skurrilen Typen, schleimigen Managern und schrägen Vögeln. Doch eigentlich ein Handreichungsbrevier für Musiker, die den Protagonisten nacheifern. Für alle anderen ziemlich überflüssig.
BW: 4
Roman, 2009, als TB 253 Seiten
Werner Bräunig (1934-1976): »Rummelplatz«
DDR-Geschichte und -Geschichten – eindringlich und gut erzählt; eine Panorama-Zeitreise in Aufbaustimmung, Mangelwirtschaft, Unterdrückung und Arbeitermilieu. Menschlich und mit Sachkenntnis geschrieben. Stilistisch stellenweise antiquiert zwar, aber zupackend-ehrlich. Jedoch muss einem das Bergarbeiter-Thema sehr liegen – mir war die Szenerie zu expertenverliebt. Roman gelungen, Geschmackssache trotzdem.
BW: 3
Roman, 1965 Vorabdruck, 2007 neu erschienen, als TB 621 Seiten
Dudley W. Buffa (*unbekannt): »Evangeline«
Ist Kapitän Marlowe ein Mörder? Der Gerichtsthriller verhandelt das Leiden sechser Menschen, die nach dem Untergang ihrer Superyacht ›Evangeline‹ in einem Rettungsboot nur mit Kannibalismus überleben. DWB schildert klassisch und figurenreich diese Tragödie; ich fand den Plot zu vorhersehbar, das Abwägen von Gut, Böse, Richtig und Falsch spannend, doch zu ergebnisoffen (aber für Krimifans sicher hinreißend).
BW: 3-
Roman, 2005, als TB 358 Seiten
Melvin J. Bukiet (*1955): »Danach«
Noch ein Roman über Holocaust-Überlebende? Ja, unbedingt. Der Stil ist anders, immer überraschend. Der Inhalt ist nicht anders, wie auch: Wie überleben KZ-Häftlinge danach? Gewitzt, denn sie haben nichts mehr zu verlieren außer ihrer Zukunft; so zynisch, dass alles Komödie wird – und ihr unsagbares Leid sagt, wie rücksichtslos Alltag wirklich ist. Das Buch ist zwar zu lang, aber das war ihr Elend ja auch.
BW: 3+
Roman, 2000, als TB 499 Seiten
Craig Clavenger (*1964): »Der geniale Mister Fletcher«
Der sechsfingrige, genial-kriminelle Fälscher und Namenstrickser D. Fletcher muss im taktischen Psychoduell gegen einen Psychiater um seine Freiheit (und gegen Enttarnung) kämpfen. Anfangs mitreißend, fragt man sich zunehmend, warum das interessieren soll. Auch, wenn es um Fletchers komplexes Mehrpersonen-Psychogramm und seine zu rettende Geliebte geht. Spannend ja – aber ohne sättigenden Nährwert.
BW: 4-
Roman, 2005, als TB 314 Seiten
Lothar-Günther Buchheim (1918-2007): »Das Boot«
Autobiographischer Front-Bericht (Band I der Trilogie), packend, abstoßend, kultisch. Der II.Weltkrieg im U-Boot, realistisch, brutal, eng. Angst und Schrecken in einer hermetisch abgeriegelten Männerwelt, Schweiß, Blut und unsagbarer Lebenswille. Selten sind Hilflosigkeit und Vanitas so exakt dargestellt worden – nichts für zartbesaitete Seelen. Da ist kein Platz für Heroismus, Hoffnung oder Himmelreich.
BW: 2
Roman, 1973, 608 Seiten
Elias Canetti (1905-89): »Sämtliche Aufzeichnungen«
Die tausende Aufzeichnungen (mehrere Bände) gehören zum Tragfähigsten, was zwischen Buchdeckel passt. Beinahe unerschöpfliches Füllhorn an Denk-Anregungen, Menschenkenntnis und Todeshass. Überraschend, assoziativ, luzide und ausgefeilt – eine "Tagebuch-Bibel" an Wahrheiten, Monströsitäten, Zynismus, Verzweiflung und Weltkenntnis. EC at his best; sein bleibendes Vermächtnis.
BW: 1-
Aufzeichnungen (leider noch nicht im Sammelband; tausende Aufzeichnungen noch unveröffentlicht), 1942-1994
Elias Canetti (1905-89): »Die Stimmen von Marrakesch«
1954 war EC in Marrakesch. Das Ergebnis: Notizen, wie es sie selten gibt. Völlig fasziniert, verdichtet EC seine Eindrücke in wundervollen, luziden und sensiblen Sieh-hin-Miniaturen: Esel, Kamele, die Märkte, Bettler, die Menschen, Alltag, Magie und Angstlust dieses (damals noch) exotischen Ortes. Reiselektüre magischen Charakters. Eine versunkene Welt. Wäre EC bloß öfter gereist!
BW: 1
Reisenotizen, 1968, je nach Ausgabe rund 100 Seiten
Nicholas Christopher (*1951): »Eine Reise zu den Sternen«
Der 10-jährige Loren wird entführt und wächst in sagenhaftem Reichtum auf. Adoptivtante Alma sucht ihn 15 Jahre weltweit: vergebens (immerhin findet sie ihre Liebe). Zwei Erzählstränge, dutzende Personen und Rückblenden reihen sich, doch das oberlehrerhafte Buch ließ mich kalt. Lexikalische Bildung, Astronomie, Kunst, alles hoch bedeutungsschwer – aber nichts greift. Ein Kinderbuch für Erwachsene?
BW: 4
Roman, 2002, als TB 662 Seiten
Brock Clarke (*1964): »Leitfaden zur Abfackelung von Schriftsteller-Residenzen«
Amüsantes über S. Pulsifer, der versehentlich ein US-Dichterhaus abfackelte und nun verdächtigt wird, das bei weiteren zu tun. Er will seine Unschuld beweisen – und erfährt ein intrigantes Ende seiner Ehe, viel über seine Suff-Eltern und schlussendlich der Brandstiftung Hintergründe. Stilistisch ein Genuss (von H. Rowolth übersetzt), nur: Die Tatmotive aller Beteiligten sind absurd übermotiviert.
BW: 3
Roman, 2008, 411 Seiten
Jim Crace (*1946): »Ein Mann, eine Frau und der Tod«
Ein Ehepaar wird ermordet. Detailliert, für Medizinlaien geradezu obszön, wird der Verwesungsprozess millimetergenau geschildert. Nichts für zarte Seelen. Aber packend, neugierig machend: eine schonungslose Pornografie des Todes als Ausdruck des Lebens. Kein Krimi – anfangs wie ein Sachbuch, schildert es das Leben der beiden, die im Tod den Prozess gemeinsamen Kommens und Gehens symbolisieren.
BW: 3+
Roman, 2000, 237 Seiten
Don DeLillo (*1936): »Unterwelt«
Die USA ab 1951. Ein berühmtes Baseballfinale führt zu jenen Figuren, die den Sieger-Ball besitzen (wollen). Gigantismus, der in sechs Erzählsträngen die patriotische Epoche kolportiert, doch langen Atem verlangt. Müll überall, ein Vater-Sohn-Drama, J. Edgar Hoover, eine Künstlerin, Kubakrise – alles strampelt gegen den Orkus der Unterwelt; alles ist viel tiefer und schmutziger, als wir Menschen denken.
BW aufgrund der Überlänge: 3-, stilistisch: 1
Roman, 1997, 964 Seiten
Don DeLillo (*1936): »Falling Man«
11.9.2001; K. Neudecker rettet sich aus dem Turm – und versucht weiterzuleben. Wie das gehen soll in Zeiten des Terrorismus, traumatisiert, die Angst vor Augen? DD versucht sich auf höchstem Niveau, scheitert knapp: eine feine Sprache ja, doch therapeutische Längen, zähe Betroffenheits-Familien-Gespräche –, dann ein guter Schluss. Mir aber insgesamt zu andächtig und zeigefinger-mäßig.
BW: 3-
Roman, 2007, 304 Seiten
Don DeLillo (*1936): »Bluthunde«
Ein wieder aufgetauchter Sexfilm mit Hitler? Dieser Grundeinfall führt 30 Jahre später in USA zu Mord, thrillerhaften Geheimdienstaktionen, journalistischer Recherche, Vietnamveteranen, Erotika-Sammlungen – und ellenlangen Dialogen. DDs Roman ist heute antiquiert, diffus und ›Kult‹ schon gar nicht. Eher eine Fingerübung. Wirr, mir nicht einsichtig, ohne Suspense. Überflüssig.
BW: 5+
Roman, 1978, 335 Seiten
Friedrich C. Delius (*1943): »Die unsichtbaren Blitze«
FCD ist einer, der teil hat, sich einmischt, ein engagierter Lyriker wider das Unrecht. Seine Gedichte sind teils sehr lang; sie sind sachlich-anklagend, sie bemühen sich um Umsicht, wo sie doch schreien mögen. Es geht gegen den Krieg, gegen die Herrschenden; den privaten Menschen gibt es nicht, weil nichts privat ist. Man muss diese Utopien mögen – falls nicht, sind die Verse heute Zeitdokumente des Scheiterns.
BW im Bewusstsein, dass Lyrik stimmungsabhängig ist: 3+
Gedichtsammlung 1981, als TB 76 Seiten
Zora del Buono (*1969): »Canitz´ Verlangen«
Canitz – in der Berliner Schwulenszene aktiv – findet eine Wasserleiche. Morbidität erfasst ihn; er recherchiert, stößt allerorten auf den Wassertod, auch in der eigenen Familie (und aufs Massen-Selbstertränken in Demmin 1945). Der Stil ist syntaktisch, Canitz´ Figur aber disparat, die Handlung zuweilen (zu) träge dahinfließend. Als Debütroman lesenswert, doch (mir) ohne wirklichen „Biss“.
BW: 3-
Roman, 2008, 157 Seiten
Miquel de Palol (*1953): »Im Garten der sieben Dämmerungen«
Moralphilosophie, Geheimbundtreiben, Luxusleben – 2024 wird Europa durch Atomkriege zerstört und reiche Überlebende flüchten sich sieben Tage in ein Pyrenäen-Schloss, wo sie sich – wie im »Decamerone« – Geschichten erzählen. Hunderte Figuren, sechs Erzählebenen, finanzielle und erotische Verflechtungen: des Guten zuviel. Alles wirkt konstruiert; ein gestyltes mnemonisches Puzzle ohne "Leben".
BW: 4-
Roman, 1989, 1130 Seiten
Junot Diaz (*1968): »Das kurze wunderbare Leben des Oskar Wao«
Eine Volten schlagende Saga! Die Dominikanische Republik aus mehreren Perspektiven. Mittelpunkt: Der fette Fantasy-Nerd Oscar, Exilant in USA, sehnt sich, trotz allem, nach seiner Trujillo-verfluchten, karibischen Heimat. Trotziges Hoffen, Rückblicke, seine Schwester und die lang ersehnte Geliebte: alle Welt im Kleinen, gleichzeitig, kurios, präzise, brutal. Lesen! Und dann gleich nochmal!
BW: 1-
Roman, 2008, als TB: 381 Seiten
Gerald Donavan (*1959): »Winter in Maine«
Julius Winsons Hund wird ›ermordet‹ – so empfindet er es, der allein tief im kanadischen Wald lebt. Sein Rachefeldzug ist drastisch-erstaunlich, die Sprache des weisen Romans luzide. Unerklärt und fraglich bleibt zwar, warum Winson so unbarmherzig agiert. Insgesamt jedoch ein packendes, schmales, kluges Buch, das den herben Verlust von Geliebtem (Hund und Frau Claire) behandelt. Sehr lesenswert.
BW: 2-
Roman, 2006, als TB 207 Seiten
Karen Duve (*1961): »Regenroman«
(Mir) völlig überbewertetes Buch, das mit (drögen) Schockeffekten nicht über seine Transusigkeit hinwegtäuscht. Sehr Zimperliche sind von ein paar Stellen pikiert – andere vom simplen Stil gelangweilt. Regen und Schnecken bilden das Ambiente für ein Paar im Traumhaus im Moor, ihren Eheverfall und -bruch mit den Nachbarinnen. Alles wässrig-symbolisch aufgeladen und der Lobeshymnen in keinster Weise wert. Abhaken.
BW: 5+
Roman, 1999, als TB: 304 Seiten
Umberto Eco (*1932): »Der Name der Rose«
Sehr lesenswerter Intelligent-Kultschmöker, der auf Krimiebene Kloster-Morde aufdeckt, auf Wissenschafts-Ebene u.a. Themen wie Geheimzeichen, Buchrecherche und Rhetorik verhandelt. Mit zahllosen Anspielungen geködert, kann in literarische Tiefe vordringen, wer mag. Andere lesen sehr Spannendes über die Inquisition 1327, Hexenspuk, Aristoteles, einen fanatischen Bibliothekar und – die Liebe. Klasse!
BW: 2-
Roman, 1980, je nach Ausgabe 700 Seiten
Dave Eggers (*1970): »Weit gegangen«
Valentino Achak Deng ist ein vom sudanesischen Bürgerkrieg traumatisiertes Kind. Episch breite Schilderung (mir zu lang) der Erlebnisse: Elternmord, Totschlag, Hunger und Elend auf der Flucht. Hoffnung macht: Achak rettet sich nach Atlanta/USA – und wird Opfer eines Einbruches. Klar, DE hat sich des sperrigen Themas engagiert und barmherzig angenommen, der Tenor: die Mitmenschlichkeit siegt.
BW: 3-
Roman, 2008, 764 Seiten
Tristan Egolf (*1971): »Monument für John Kaltenbrunner«
Ein amerikanischer ›Michael Kohlhaas‹: John K., provinzieller Landbursche, kämpft um Gerechtigkeit, seinen Besitz, sein Begreifen der Welt. Der turbulente Weg führt ihn in die große Stadt, zur Müllabfuhr. Die Ausbeutung dort treibt ihn sprichwörtlich auf die Barrikaden: Die Explosion seiner Ideale ist auch eine gegen der Welt Ungerechtigkeit. Rabiat, temperamentvoll und authentisch geschrieben.
BW: 3
Roman, 2002, als TB 502 Seiten
Josh Emmons (*1971): »Leon Meed beschließt zu gehen«
Meed verliert seine Familie bei einem Unfall und will nicht mehr leben. Er kehrt in seine US-Heimatstadt zurück – nur, um dort noch dutzende skurriler Typen zu treffen. Ein von J.Franzen gelobter Roman, der mir zu sehr zerfranst, keine Mitte, keine Story findet. Zu viele (durchaus charmante) Figuren, die in zersplitterten Handlungssträngen um Leser-Beachtung feilschen. Ich gab´s dann auf.
BW: 5+
Roman, 2005, 426 Seiten
Mathias Enard (*1972): »Zone«
Schwer zu beurteilendes Buch: Der „Bewusstseinsstrom“ (der nur so wirkt) kommt aus dem Unendlichen – und fließt dorthin; jede Seite ist eine formale Herausforderung. Agent Mirkovic – im Zug nach Rom – trägt Geheimpapiere bei sich, die aus europäischen Kriegszonen stammen. Eine Hommage an Homers Epos »Ilias«, ein lexikalisch-metaphorisches Kompendium europäischen Sterbens und Tötens. Durchhaltenswert.
BW: unentschlossen: 2 oder 5.
Roman, 2010, 608 Seiten
Adolf Endler (1930-2009): »Tarzan am Prenzlauer Berg«
Der Düsseldorfer AE siedelt 1955 freiwillig in die DDR über, wird als Unruhestifter aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen (Publikationsverbot). Er schreibt für den ›Untergrund‹. Die Texte: subversiv, polemisch und ironisch. Ein exaktes Spiegelbild der DDR, des verlogenen Alltages, der Spitzelei und des aus den Fugen geratenden Sozialismus, die Notizen sind Zeitgeschichte und Spottlied in einem.
BW: 3-
»Sudelbücher«, Kurztexte 1981-1990, als TB 302 Seiten
Hans M. Enzensberger (*1929): »Josefine und ich«
Eine langweilige Ansammlung pseudo-provozierender Sentenzen und philosophischer Sottisen, durch gefällige Tricks und eine Nebenperson auf Erzählform getrimmt. Ein sokratischer Rollen-Dialog zwischen dem Ich und der alten Josefine K. (Kafka!, mit K. oder Josefine nichts gemein); eine stumpfe Parabel über die ach so verlotterte Moderne. Nein, HME ist in seiner Lyrik evident prägend – und besser.
BW: 5
Erzählung, 2007, als TB 147 Seiten
Hans M. Enzensberger (*1929): »Gedichte 1950 - 2011«
Das ist HME at his best, unbestritten. Über hundert Gedichte bilden einen sozialkritischen, humorigen und subjektiv-ernsten Streifzug durch die deutsche Geschichte; ein Genuss, wie HME diese seziert, bloßlegt, zusammenfasst, brüskiert – und uns den Spiegel vorhält. Immer geht es um Besonnenheit, den exakteren Blick. Und den hat der Autor. Politisch-zeitlos. Seiner Prosa (meines Erachtens) weit vorzuziehen.
BW im Bewusstsein, dass Lyrik stimmungsabhängig ist: 2+
Lyrik-Anthologie, 2001, als TB 107 Seiten
Hans M. Enzensberger (*1929): »Die Furie des Verschwindens«
1980 war dieser Band HMEs letzte Lyrikveröffentlichung für zehn Jahre. Es galt, nicht zum Selbstepigonen zu werden; die Gedichte hier sind ›typisch‹ für den großen Lyriker: politisch, manifest, zeitgeistig, verästelt und sprach-jonglierend wird der Alltag der 70er Jahre porträtiert. Fast jedes Gedicht ist eine Entdeckung, auch die Langform, die die Sammlung sinnig teilt: HME als Lyriker lohnt!
BW im Bewusstsein, dass Lyrik stimmungsabhängig ist: 3+
Gedichte, 1980, als TB 86 Seiten
Andreas Eschbach (*1959): »Eine Billion Dollar«
Zu-gut-Mensch John Fontanelli – New Yorker Pizzaausfahrer – erbt unvorstellbare 1 Billion Dollar. Ist der reichste Mann der Welt. Was als faszinierende Idee beginnt, geriert zunehmend zu psychologisch und wirtschaftlich phantasieloser Weltenretter-Handlung. Anfang gut, Mitte zäh, Schluss offen und klischeehaft. Leider kein großer Wurf. Auch, wenn er in Italien spielt und viele Bösewichte vorkommen.
BW: 4-
Roman, 2001, 887 Seiten
Peter Esterhazy (*1950): »Harmonia Caelestis«
Gespaltenes Werk, dessen erster Part zur bleibenden Literatur zählt. PE facettiert ungarische Historie in zauberhaft-ironischer Diktion, in Sentencen, Manierismen, Familienanekdoten, Aufzeichnungen; mikroskopische Beobachtungen erfreuen Zeile für Zeile. Kein plot im eigentlichen Sinn. Die assoziativen Sprünge fordern, zermürben. Teil 1 stilistisch meisterhaft – Teil 2 (mir) dann zu abweichend vom ersten Teil.
BW aufgrund der Unterschiedlichkeit der beiden Hälften: 3-, stilistisch: 1
Roman, 2001, 800 Seiten
Peter Esterhazy (*1950): »Fancsiko und Pinta«
Der Klappentext mahnt: Das Wie (Stil) sei wichtiger als das Was (Inhalt). Abschreckend? Verstörend ist dieses kleine Traumgebinde: Fancsiko und Pinta sind Phantasieclowns, mit deren Hilfe das Erzähl-Kind die Erwachsenen-Realität bloßstellt. Pro: stilistisch brillant, inhaltlich kapriziös und enigmatisch –, es geht um Symbolwelten, verlorene Unschuld, die Affären des Vaters. Contra: Will PE uns etwas sagen?
BW: 3-
Roman, 2004 (erstmals 1976), als TB 136 Seiten
Peter Esterhazy (*1950): »Die Hilfsverben des Herzens«
Viel gelobtes Buch, in dem PE sich mit dem Tod seiner Mutter auseinandersetzt. Mehr als hilflose Sprache bleibt angesichts dessen nicht, blanke ›Hilfsverben‹ bei den Hinterbliebenen. Handlungssprünge, Passagen, Rückblicke, Zitate, Lyrismen – meisterhaft, doch mir zu assoziativ, um eindringlich zu sein. Die Mutter soll ›blass‹ bleiben, und bleibt es: Ein Roman(?) über PE ist es, nicht über die Mutter.
BW: 4+
Roman, 1985, als TB 124 Seiten
Rainer Fabian (*1935): »Das Rauschen der Welt«
Journalist Kohners Frau starb im Staat Matatudo bei einem Attentat; dorthin reist er, hoffend, den Mörder zu finden. Lesenswerter Text über Geräusche, Tonbänder, Wahrnehmung und über Journalisten-›Nomaden‹ in exotischen Ländern. Mit metapherstarken Sätzen, aus denen andere Romane gemacht hätten; dennoch stilistisch bald eitler Selbstzweck und langatmig. Trotz Liebesgeschichte und bananenrepublik-›typischem‹ Flair.
BW: 3-
Roman, 2003, 376 Seiten
Jan Faktor (*1951): »Georgs Sorgen um die Vergangenheit«
Ein pikant-erotischer, obgleich politisch ernster Schelmenroman – aber ohne Höhepunkt. In Prag entzieht sich Georg den Zwängen und der Gluckenhaftigkeit des skurrilen Elternhauses durch Abenteuer und Liebe zum Ekel. 70er Jahre: sozialistischer Wandel, Armut, Gewalt, Subversivität – doch die mäandernde Handlung fesselt nicht bis zum Schluss, war mir in ihren tausend Facetten zu beliebig und richtungslos.
BW: 3-
Roman, 2010, 637 Seiten
Gerhard Falkner (*1951): »Bruno«
Braunbär Bruno dringt ins Schweizer Wallis ein, GF will dem Tier ein Denkmal setzen. Soweit prima, nur: Eine traditionelle Novelle ist das nicht. Eher ein wirrer Text über einen sich selbst suchenden, verzweifelten Dichter, in der Bären-Suche gespiegelt. Hochgebirge, Verwirrungen und Irrungen, Selbstzweifel, doch dann Fußball, Gletscher, Kunst…? Was denn nun? Nicht stringent, aber immerhin selbstironisch.
BW: 4
Novelle, 2009, als TB 110 Seiten
Richard Flanagan (*1977): »Goulds Buch der Fische«
Brutal ist die Frist unterm Galgen, selbst wenn Kunst daraus erlöst: W. Gould wird im 19. Jahrhundert auf Tasmanien eingekerkert, sein Maltalent entdeckt; er darf weiterleben. Rahmenhandlung, verknotete Abläufe, Zitate, Abschweifungen, eine Ingredienz grausamer Szenen und bizarrer Menschenmonster, was alles trotzdem – oder deswegen - nicht zueinander finden will. Übers Ziel hinaus, zuweilen unverständlich.
BW: 4+
Roman, 2002, 495 Seiten; 12 edle Bilder des Malers Gould
Jonathan Safran Foer (*1977): »Alles ist erleuchtet«
Erstling, der JSF berühmt machte. Mir scheint "berühmt" überzogen, die witzige, falsche gesprochene Sprache und die Handlung aber – ein Amerikaner lässt sich von zwei unfähig-gutmütigen Männern durch die Ukraine kutschieren, um etwas über seine jüdischen Vorfahren zu erfahren – ist so hanebüchen und am Schluss traurig, dass man das Buch empfehlen möchte. Leider bleibt vieles vage und schlecht recherchiert.
BW: 3
Roman, 2003, als TB 384 Seiten
Jonathan Safran Foer: »Extrem laut und unglaublich nah«
Im Ersteindruck: eine stilistische Meisterjonglage, die den 9-jährigen Oscar Schnell zeigt, dessen Vater am 11.9.2001 umkommt. JSF (*1977) schickt den Jungen auf eine skurrile Odyssee durch New York – und verquickt darin die Bomben auf Dresden und Hiroshima. Die Story kippt – diese vermeintliche Parallelität ist aus Büchern angelesen, banal und völlig unglaubwürdig. Gesamteindruck: Spiel, Satz und Remis.
BW: 3
Roman, 2005, 432 Seiten
Richard Ford (*1944): »Der Sportreporter«
Frank Bascombe zieht heiter-selbstironisch die Bilanz seines vordergründig erfolgreichen, angenehmen amerikanischen Lebens. Doch alles ist trügerisch, der Alltag nur Fassade, die allzu schnell zusammenbricht. Melancholisch, voller banaler, nicht minder wahrer Erkenntnisse und Ent-Täuschungen. Band I der Trilogie für all jene, die das Zerbrechliche des (Ehe-)Lebens subversiv bestätigt haben wollen.
BW: 2-
Roman, 2005, 432 Seiten
Richard Ford (*1944): »Abendländer«
US-Autor C.Matthews und Helen reisen nach Paris. Doch: Die Stadt ist trostlos und grau, Helen krebskrank, der Verleger nicht da. Der vereinsamte Protagonist und seine Geliebte wollen eigentlich ein anderes Leben: Ihrer beides ist neben-, aber nicht mehr miteinander. Bis zum bitteren Ende –. RF scheint Paris nur aus Reiseführern zu kennen; die Story ist nicht authentisch, wirkt künstlich patiniert.
BW: 3-
Roman, 2008, 142 Seiten
Richard Ford (*1944): »Eifersüchtig«
Der 17-jährige Larry wird von seiner trunksüchtigen, erotisierenden Tante Doris zur Ex-Frau seines Vaters gefahren. Montana, USA. Nichts geschieht. In einer Bar, in der die zwei anhalten, wird zwar ein Mann erschossen. Doch das war´s. Alles ist verinnerlicht: Einsamkeit, Altern, Erwachsenwerden. Eine sensible Winternovelle, in der das Leben, also Veränderungen, im Kopf geschehen. Aber Eifersucht?
BW: 3-
Novelle, 1995, als TB 96 Seiten
Dieter Forte (*1935): »Auf der anderen Seite der Welt«
Die 50er Jahre; ein Lungenkranker kurt auf einer Nordseeinsel im »Zauberberg«-artigen Sanatorium. Viel ungebärdete Inselnatur – und auf dem fernen Festland, in einer anderen Welt, das Wirtschaftswunder samt Wiederaufbau. Liest sich anfangs eindringlich, versinkt dann aber im Wattenmeer faustischen Nihilismus´ und Weltschmerzes. Ein authentisch-intimer historischer Über- und Einblick, der auf Dauer langweilt.
BW: 3-
Roman, 2004, 343 Seiten
John Fowles (1926-2005): »Daniel Martin«
70er-Jahre-typischer Roman über einen in den USA lebenden Engländer, der nach London gerufen wird und sich dort mit seiner einstigen Geliebten und seiner Vergangenheit auseinandersetzt. Endlose gedrechselte Psycho-Dialoge, erinnernd an eine intelligente Mixtur aus Scott und Greene; wohlfeiler Stil, klare Charaktere, schöne Landschaften – aber der plot fesselt mich trotzdem nicht. Geschmacksache.
BW: 4-
Roman, 1977, als TB 794 Seiten
Jonathan Franzen (*1959): »Die Korrekturen«
Bis heute JFs Meisterwerk: US-amerikanischer Alltag der Familie Lambert, die an des Daseins Grausamkeiten zu zerbrechen droht. Vaters Alzheimer-Krankheit, das gemeinsame verkrampfte Weihnachtsfest; fünf Biographien, drei Kinder, die längst keine mehr sind. Schräg, traurig und voll tiefer Einsichten in die Vergänglichkeit des Lebens. Grandios, wie Mutter Enid versucht, das bisschen Rest Familie zu beglücken.
BW: 1-
Roman, 2002, 736 Seiten
Jonathan Franzen (*1959): »Die Unruhezone«
Schade, JF: Bloß über seine Kindheit und Mutter erfährt man (auch, was man nicht wissen will), Detailliertes über Frauen und Ehe, seine Deutschliebe, die bedrohte Erde und über Vögel – aber nichts über sein Schreiben. Jugend-Autobiographisches nur für Fans, die alles wissen wollen. Über seine Romane kein Wort. Eine vergebene Chance US-amerikanischer Poetik-Theorie. Okay, zuweilen auch humorvoll.
BW: 5+
Roman, 2006, als TB 254 Seiten
Kirsten Fuchs (*1977): »Die Titanic und Herr Berg«
Nein, leider nicht: Die Idee (Sozialhilfeempfängerin und Sachbearbeiter verlieben sich) ist gut; der Stil KFs ist tiefsinnig-drastisch. Aber die zwei getrennt gehaltenen (erotischen) Rollen-Perspektiven funktionieren nicht, weil Tanja und ihr Herr Berg in ihrer Diktion zu ähnlich sind (es spricht doch immer nur KF). Für mich leider verschenkt, aber wegen des charmanten Stils einen Leseversuch wert.
BW: 3-
Roman, 2005, 285 Seiten
Kirsten Fuchs (*1977): »Heile, heile«
Leserinnen bitte zur Männerentzugsgruppe aller Leserinnen! Motto: Rebekka vermisst ihren, Frauen vermissen einen Karl. Frauenbuch mit wuseligen paarungsbereiten Großstädtern; dazu Krebsleid, das, um Tiefenniveau zu erzeugen, konstruiert eingeschoben wird. Allerlei Selbstfindung und -hass und – positiv – witzige Metaphern, die nur KF und die man nicht erfinden kann (doch bloß die machen Lust auf mehr).
BW: 3-
Roman, 2009, 315 Seiten
Matthias Gatza (*1963): »Der Schatten der Tiere«
Soll sich wohl (allerdings vergebens) wie H.Krausser lesen –, mit einer Coolness, die zu oft auf schiefen Metaphern basiert. Es geht um die Trinker-Freundschaft eines Mathematikers und eines Zoo-Fans; ersterer wird ermordet, zweiter beschreibt beider Leben – und verliebt sich in des Freundes Witwe. Sie suchen in Norwegen nach den Gründen für den Tod. Sehr verschwurbelt alles – ich blieb ratlos.
BW: 3-
Roman, 2008, als TB 394 Seiten
Thomas Glavinic (*1973): »Der Kameramörder«
(Eher Novelle als) Roman über Kinder, gezwungen, sich umzubringen – um dabei von ihrem Mörder gefilmt zu werden. Vier Freunde rätseln in dichten sprachlichen Stafetten über das Verbrechen: in Angst-Sensations-Lust. Ein Buch (leider schlampig lektoriert) über die deformierte Gesellschaft, mediale Verantwortung und unsere Perversionen angesichts solch Grauens. Sehr beklemmend, mit seltsamem Schluss.
BW: 2-
Roman, 2001, 156 Seiten
Thomas Glavinic (*1973): »Die Arbeit der Nacht«
Jonas erwacht und ist allein auf der Welt. Wien. Leere Straßen, alles tot, wo ist das Leben? Er, der Einzige, sucht Menschen und, immer mehr, das eigene Ich. Spannend, dieser Versuch zwischen wachsendem Wahnsinn, Abenteuer, Verzweiflung, Theodizee. Warum hat Jonas überlebt? Ein Roman ohne und doch voller Handlung. Ein einsamer Mann, der alle Möglichkeiten der Welt für sich entdeckt – und keine mehr.
BW: 3-
Roman, 2006, 394 Seiten
Thomas Glavinic (*1973): »Das bin doch ich«
Lakonisch-witziger, eigentlich viel zu kurzer Entlarvungs- und Schlüsselroman über den Literaturbetrieb. Herrliche Beobachtungen und Empfindungen eines Hypochonders; Slapstick, Klugheit in allen Episoden – Schrulliges um die Ängste und Hoffnungen eines Schriftstellers, der seinen Platz sucht, obwohl er ihn längst gefunden hat (ohne es zu wissen). Besser als »Arbeit der Nacht«. Köstlich!
BW: 2
Roman, 2009, 394 Seiten
Thomas Glavinic (*1973): »Das Leben der Wünsche«
Drei Wünsche werden Jonas (35) erfüllt; es überschlagen sich die Ereignisse: Er wird u.a. zum Unfall-Überlebenden, seine Frau stirbt (›macht Platz‹ für seine Geliebte), Aktienkurse steigen... Welche Wünsche hätten wir, würden sie erfüllt? Diese Frage stellt der lakonische Roman, der immer undurchsichtiger und fragmentarischer wird. Gute Idee, doch überambitioniert umgesetzt, mit hanebüchenem Finale.
BW: 3-
Roman, 2009, 320 Seiten
Iwan Gontscharow (1812-1891): »Oblomow«
Feiner, realistischer Romanklassiker des russischen 19. Jhds, der mir ein wenig zu behäbig ist. Gutsbesitzer Oblomow lebt ziellos ohne Beschäftigung, liegt faul im Bett und überlegt unentwegt langweilige Dinge. Auch die Liebe kann ihn nur kurz aufrütteln. Herrlich: Dienerfigur Sachar. Insgesamt ironisch-zynisch, eine wunderbar-böse Landadel-Kritik. Doch teils nur holzschnitzartige Gegenfiguren.
BW: 3+
Roman, 1859, als TB 673 Seiten
Alexander Gorkow (*1966): »Mona«
Herrlicher Text über den selbstgefälligen Herrn Blum, der in Rumänien eine Lebensmittelkühlkette für Frischfleisch installieren soll. Alles geht schief, ein bisschen töten muss er auch –, dafür entdeckt er die Liebe zur rätselhaften Mona. Ein aberwitziger Plot, skurriles Personal (fiese Einheimische) und ein feiner klarer Stil: ein kurzer Roman, aber kompakt, inspiriert und mit schrägem Humor. Klasse!
BW: 2-
Roman, 2007, 208 Seiten
Günter Grass (*1927): »Die Blechtrommel«
Genialer Nachkriegs-Kultroman par excellence, Meilenstein deutscher Sprache. Trommler und Kleinwuchs Oskar Matzerath zerfetzt mit Nazi-Spott und bizarrer Stimme jedes Band bigotten Bürgertums, entlarvt gnadenlos braune Gewalt und Spießigkeit – und erlebt, dass auch er nur ein begehrender, exzentrischer Charakter ist. Eine Welt aus Glas, die im Krieg zerbrach. Fulminant; von GG gibt´s nichts Besseres.
BW: 1-
Roman, 1959, als TB 732 Seiten
Günter Grass (*1927): »Das Treffen in Telgte«
Feiner Höhepunkt der Barockdichtung, bloß entstanden 1979: In Telgte treffen sich 1647 unterschiedlichste Dichter, um unter Regie Grimmelshausens (entspricht: Hans-W. Richter) und der Wirtin, Landstörtzerin Courage, eigene Texte zu debattieren. Botschaft: Der 30jährige Krieg endet, das Leben geht weiter - die Kunst sei gepriesen, die Lust, der konstruktive Streit – und, GG sei Dank, die Gruppe 47.
BW: 2-
Erzählung, 1979, als TB 256 Seiten
Robert Graves (1895-1985): »Der Schrei«
Als gruselig beschriebener Plot um das Ehepaar Rachel und Richard, das einen seltsamen Fremden ins Haus in den Dünen aufnimmt, der mit einem Schrei (der er bei Aboriginees gelernt hat) töten könne. Es geht um vermeintlichen Ehebruch, Seelen in Steinen, Träume, Wahrheiten und mystischen Nonsens, der bei mir Gelächter und nicht Schauder auslöste. Sorry, RG, konnte ich nichts mit anfangen.
BW: 5+
Erzählung, 1929, als TB 57 Seiten
Hans J.C.v. Grimmelshausen (1622?-1676): »Der abentheuerliche Simplicissimus Deutsch«
Ein wundersam-barockes Weltopus (von R. Kaiser heutsprachig „übersetzt“), schon 1668 zeitlos: Krieg, Völlerei, Hass, Gier, Liebe. Simplicius wächst einfältig auf, wird Hofnarr, Abenteurer, Vagabund, Soldat, Quacksalber, Vater. Alles, was Welt ist, hinterfragt, beklagt und verspottet er. In Simplicius finden sich alle wieder: ein geniales Buchwunder, jedem zur Pflicht und Freude.
BW: 1-
Roman, 1668, 762 Seiten
John Griesemer (*1927): »Niemand denkt an Grönland«
Qangattarsa – was in der Eskimo-Sprache ›davonwehen, sterben‹ meint. Darum geht’s im US-Army-Roman, der 1959 in einem grönländischen Geheim-Lazarett spielt und die Absurdität aller Kriege entblößt. R.Spruance wird eingeliefert, macht eine Lager-Zeitung, deckt einen Skandal auf und sexelt mit einer Soldatin. Kompakter und spannender als JGs geschwätziger Roman »Rausch«, aber »Grönland« lässt viele Fragen offen.
BW: 3-
Roman, 2006, als TB 334 Seiten
Thomas Gsella (*1958): »Generation Reim«
Witzige und nachdenkliche Gedichte, in sechs Abteilungen gegliedert. TG kalauert, pubertätet und moritatet sich durchs Leben, das aus bierseliger Unbekümmertheit, existenziellen Tiefenschichten und (zu oft) zwangsgereimten Sonetten besteht. Dennoch: Immer wieder sind echte „Perlen“ darunter, die das immense Humorpotenzial des ernsten Parodisten aufzeigen –, TG mag man sagen: je kürzer, desto besser.
BW im Bewusstsein, dass Lyrik stimmungsabhängig ist: 3
Lyrik-Sammlung, 2004, 201 Seiten
Norbert Gstrein (*1927): »O2«
Ein historisches Ereignis: Im Mai 1931 fliegen zwei Meteorologen mit einem Ballon 16 km hoch, erstmals. NG schildert dies aus fünf Perspektiven, die alle auf die Dingsymbolik des Piccard-Fluges verweisen. Funktioniert aber nicht: Mir zu zerfasert sind die Sichtweisen, zu abseitig die Zusammenhänge. Die Novelle liest sich gebrochen; keine Identifikation mit einer der Figuren ist möglich.
BW: 3-
Novelle, 1993, 171 Seiten
Peter Hacks (1928-2003): »Gespräch im Hause Stein über…«
PH (streng-kommunistischer Geistesakrobat) gilt als Genie-Literat der DDR und verfasste ein großes Ouevre (Dramen, Lyrik, Essays). Im brillanten Einpersonen-Stück »GiHS über den abwesenden Herrn von Goethe« lästert ›die Vampirin‹ Fr. v Stein böse über Italienflüchtling Goethe, 1786. Ein mythisch-intelligenter Theatergenuss für jeden, der die Klassik liebt und doch gesellschaftlich entstaubt sehen will. Chapeau!
BW: 1
Monodrama, 1974, als TB 80 Seiten
Ulla Hahn (*1946): »Das verborgene Wort«
Lyrikerin UH legt einen tollen Roman hin: Kind Hilla wächst im bigotten rheinisch-katholischen Arbeitermilieu der 50erJahre auf und setzt sich und ihr Schreibtalent gegen alles familiäre Unverständnis durch. Selbststilisierung und Heiligenbild, ja – aber auch subtiles Stück Autobiographie, sensibel, larmoyant, authentisch und nachvollziehbar. Ein Buch übers Dichten und Erwachsenwerden. Lesenswert!
BW: 2-
Roman, 2001, 592 Seiten
Wolf Haas (*1960): »Auferstehung der Toten«
Krimis mag ich nicht – diesen schon! Er ist charmant, stilistisch individuell und von seltener, für Krimis, selbstironischer Intelligenz. WH – mehrfach ausgezeichnet – schildert einen Doppelmord im Skiort Zell a.S., den Privatdetektiv Brenner löst. Skurrile, echte Charaktere und ein schnoddriger Stil schaffen eine dichte, humorige Atmosphäre mit Tiefgang und glaubwürdigem Lokalcholorit. Empfehlenswert!
BW: 2-
Roman, 1996, als TB 153 Seiten
Mohammed Hanif (*1967): »Eine Kiste explodierender Mangos«
Am 17.8.88 sterben der pakistanische Präsidenten-Diktator und einige Generäle bei einer Flugzeugexplosion (bis heute ungeklärt). Luftwaffenkadett Shigri erzählt auf böse und anarchische Weise von politischen Intrigen und brutalen Machenschaften des Geheimdienstes, von Armee-Absurditäten und strengster Islamisierung. Aberwitzig, zum Ende hin überbordend und un-linear. Aber ein Thriller mit Witz. Gut.
BW: 2-
Roman, 2009, 384 Seiten
Marlen Haushofer (1920-70): »Die Wand«
Ein Albtraum: Eine Überlebende sieht sich in den Bergen nach einer Weltapokalypse von einer "gläsernen Wand" umgeben. Sie ist isoliert und versucht, durch bäuerliche Arbeit und Disziplin zu überleben. Nichts geschieht, das aber so spannend, dass die Ikonographie funktioniert: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Wird sie irre? Öffnet sich je die Wand? Gibt´s weitere Überlebende?
BW: 2+
Roman, 1963 (wiederentdeckt erst 2005-06), 285 Seiten
Helene Hegemann (*1993): »Axolotl Roadkill«
So also sollen Erwachsene lernen, was es heute heißt, 16-kaputtjährig zu sein? Eine Mädchen-Jugend auf Highspeed, crazy, orientierungslos? Ein frappierender Stil, eine Zoten-Explosion aus Frust, Sex, Kotzen, Selbstfindung und unglaubwürdigen, altklugen Dialogen – aber was nun, Spiegel- und Zerrbild? Nun, ein gehyptes Pseudo-Skandalon; immerhin eine Einheit aus Lebensgefühl und Sprache. Trotzdem: albern.
BW, da ich den Hype um HH nicht nachvollziehen kann: 4-
Sampler-Roman, 2010, als TB 208 Seiten (mit heftig diskutierten, plagiierten Textpassagen)
Christoph Hein (*1993): »Von allem Anfang an«
Die DDR in den 50er Jahren: Neun Episoden um Pastorensohn Daniel. Seine Jugend, die Entdeckung der Sexualität, sein Außenseitertum, Denunziation und Christentum. Interessant sind die Kontroversen –, aber (mir) zu behäbig und nah am Autobiographischen erzählt, gänzlich unspektakulär und zuweilen zäh. Ein ziemlich in seiner Zeit ›verhafteter‹ Roman.
BW: 4-
Roman, 1997, 197 Seiten
Eckhard Henscheid (*1941): »Dolce Madonna Bionda«
"Süße blonde Madonna" – spielt in der Altstadt von Bergamo. Eine Reiseerfahrung; die geradezu operettenhafte Suche des Protagonisten Hammer nach seiner heimlich Geliebten, deren zufällige Ebenfalls-Gegenwart er in den engen Gassen zu spüren glaubt: sprachmächtig, ziseliert, unterschwellig – und humorvoll. EH ist arg, zuweilen spröde in sich selbst gefangen –, nicht jedermanns Geschmack.
BW: 3
Roman, 1983, 492 Seiten
Eckhard Henscheid (*1941): »Trilogie des laufenden Schwachsinns«
3-Buch-Kult der 70er! Schraubstock-Provinzialität und trabender Humor, feinsinnigst gestiefelt und gespornt, so trocken, dass er "staubt". Sympathische Antihelden zwischen Weltschmerz und Borniertheit; Kneipen- und Nebenstraßen-Alltag in einzigartiger Ereignislosigkeit, und alles in selbstironischer Lakonie, die zu Tränen reizt – des Lachens, manchmal zum Gähnen. Man muss sich darauf einlassen können. Muss?
BW als Ganzes: 3
Roman-Trilogie, 1972-1978, insgesamt 643 Seiten
Ernst Herbeck (1920-1991): »die vergangenheit ist klar vorbei«
Liebevoll-erinnernder Sammelband: Der Österreicher EH war schizophren, lebte 45 Jahre in der Psychatrie. Alle seine Texte (die ersten 110 Seiten) würde ich nicht als Gedichte bezeichnen, aber die guten sind sehr gut, packend, echt. EH dichtet nicht drumherum, er bringt manche Düsternis unseres Daseins auf den lyrischen Punkt. Ein Buch zum Stöbern, Entdecken und Erfreuen an einer anderen Sicht der Welt.
BW im Bewusstsein, dass Lyrik stimmungsabhängig ist und ein Gemisch von Texten vorliegt: 3
Gedichte, Briefverkehr, Fotos und Autographen, 2002, 254 Seiten
Alban Nikolai Herbst (*1955): »Wolpertinger oder Das Blau«
Enorm! Das Epos reißt mit jeder virulenten Zeile mit – obwohl man nur gröbst begreift, worum´s geht. Immerhin: ein Hotel, zehn Gäste, deren Revolution gegen alles, und alles in verwirrenden Zeitebenen. Philosophie, Erotik, Gespenster, Figuren wie Th.Manns ›Settembrini‹, ein Stil in 1a-Güte A.V. Thelens –, und dennoch: ANH kann die zeitliche Struktur nicht vermitteln, die Lese-Orientierung fehlt zu bald.
BW aufgrund des langwierigen "Zuganges": 3, stilistisch: 1
Roman, 1993, als TB 1121 Seiten
Wolfgang Herrndorf (*1965): »In Plüschgewittern«
Das Szene-Berlin ist Kulisse für die Abenteuer des Ich-Anti-Helden, der zwischen allgemeiner Philosophie, Lebensnähe, Frauengeschichten und kultureller Gegenwart changiert. Humorvoll, witzig und von schönen Passagen durchsetzt, ist der Roman dennoch eine Aneinanderreihung komödienhafter bzw. tragischer Szenen. Und erinnert frappant an T.Klupp.
BW: 4
Roman, 2002, als TB 184 Seiten
Edgar Hilsenrath (*1926): »Der Nazi und der Friseur«
Schelmengroteske aus Tätersicht; eine lakonische und bittere Satire gegen Rassenhass. EH schildert den bauernschlauen, biederen SS-Mann und Massenmörder Max Schulz, der in die Rolle des Juden Itzig Finkelstein mutiert. In Palästina arbeitet er als Friseur und kämpft sogar gegen das britische Protektorat. Roman mit ein paar Längen, im Ganzen sehr gelungen und zu Recht ein Genreklassiker.
BW: 3+
Roman, 1977, als TB 476 Seiten
Wolfgang Hildesheimer (1916-1991): »Masante«
»Masante« (nebst »Tynset«) gilt als WHs Hauptwerk; der Jude WH schreibt sich seine Deutschland-Not von der Seele. Im klasse Monolog-Roman entflieht der Protagonist in eine Wüste, und um seinerseits Panik auszulösen: „Es ist alles bekannt“ wispert er in »Tynset«, um die Nazi-Täter zu desavouieren. Sprach-jonglierend, aufzeichnungshaft, fraktal. Nach dieser Abrechnung ›verstummte‹ WH, alles war gesagt.
BW: 2-
Roman, 1973, 376 Seiten
Franz Hohler (*1943): »Der neue Berg«
Natürlich sind die Risse und der neue Berg nahe Zürich eine geologische Metapher; natürlich reißt solch ein Vulkan brave Schweizer aus ihrem fassadenhaften Ehebetrugs-Bürgerleben, natürlich stehen die Risse für ökologische, politische und moralische Verwerfungen –, aber leider auch für biedere Erzählweise: klug, aber vorhersehbar. Es muss ja kein Öko-Schund sein – ist (mir) bloß einfach zu langatmig und ohne Pep.
BW: 4
Roman, 2008, als TB 434 Seiten
Homer (*8. Jhd. v.Chr.): »Ilias«
Neben der »Odyssee« gilt auch die »Ilias« als Urtext abendländischer Dichtung. Sie erfuhr ungezählte Übersetzungen und Adaptionen (neueste von Raoul Schrott), gilt als Schlachtengemälde Troias, Götter- und Heldenepos, ist Pflichtlektüre – und vielen doch so fremd, wie ein Ur-Epos nur sein kann. Der im Kern überzeitliche ›Plot‹ kann hier nicht zusammengefasst werden; wer die »Ilias« einmal las, vergisst sie allerdings nie.
BW: 2
Epos, 8.Jhd. v.Chr., jede mögliche Buchvariante
Homer (*8. Jhd. v.Chr.): »Odyssee«
Neben der »Ilias« gilt auch die »Odyssee« als Urtext abendländischer Dichtung. Odysseus´ Rückkehr aus Troia, sein zehnjähriges Irren über die Meere, seine Verschlagenheit, Witz und Stärke, die Allüren der Götter, die Treue seiner Frau Penelope – Generationen begeistern sich an diesem urgewaltigen, antiken Epos, das Topoi schuf für die Literatur Europas. Pflichtlektüre, überzeitlich, gültig, brachial.
BW: 1-
Epos, 8.Jhd. v.Chr., jede mögliche Buchvariante
Norbert Hummelt (*1962): »Zeichen im Schnee«
Sehr gelobt, hat sich NH als Lyriker dennoch nicht populär machen können. Mir schienen seine, von Natur und immer wieder von Vögeln metaphorisierten Gedichte oft zu Banales zu thematisieren (Tesafilm, Tetrapack). Vielleicht gehört sich das so beim zuweilen humorvollen, selbstkritischen und lyrischen Kindheits-Rückblick. Aber, sind diese Gedichte nun ernst oder nicht ernst zu nehmen? Bin etwas ratlos.
BW im Bewusstsein, dass Lyrik stimmungsabhängig ist: 4-
Gedichte, 2001, als TB 104 Seiten
Ralf Husmann (*1948): »Nicht mein Tag«
Charmant ja, witzig manchmal, unterhaltsam auch – bloß in jeder Richtung alle Bankangestellten- und -räuberschablonen erfüllend, also vorhersehbar. Seitenscheitler Till Reiners wird entführt und erfährt währenddessen viel über sein spießig-sympathisches Selbst, seine erkaltete Ehe und männertypische Phantasien. Ein leichter Schmöker ohne Nährwert, dafür mit belanglosem Schluss.
BW: Seichtes U-Bahn-Schmöker-Genre, ohne ernsthafte Bewertung
Roman, 2008, als TB 334 Seiten
Khaled Husseini (*1965): »Drachenläufer«
Tragik einer Jungen-Freundschaft in Afghanistan ab 1975. Anrührend geschrieben, herrlich: Umso dramatischer der gesellschaftliche Wandel angesichts der Taliban; die Zerstörung eines kulturreichen Landes, die Angst des Individuums spiegelt die des Menschen an sich. Traurig, brutal, ohne falsche Schnörkel: KH zeigt, wie fragil das Leben ist. Zerreißbar wie das Band bunter Drachen am Himmel.
BW: 2
Roman, 2006, als TB 385 Seiten
Bernd Imgrund (*1964): »Quinn Kuul«
Kölner Schelmenroman, der leider immer konfuser wird. Ein toller Start mit Milieukolorit, sonderbaren Figuren – sowie Quinn (18-jähriger Rußfabrikarbeiter) und dessen Liebe zu Frl. Sylvie. Prima das 80er-Hippie-Flair, bis daraus die konspirative Spionage-Wikinger-Story wird, die Freaks spinnerter, der Inhalt hanebüchen. Pro: gespickt mit viel Ironie und Witz –, contra: Die Story ist Humbug.
BW aufgrund der wirren Story: 4+
Roman, 2007, 572 Seiten
John Irving (*1942): »Owen Meany«
JIs bis heute eindringlichster, bester Roman: Das Erwachsenwerden des kleinwüchsigen, schrill-stimmigen Antihelden Owen Meany, der verliebt ist in die Mutter des Freundes John, sie aber durch einen Baseball-Fehlschlag tötet. Ein melancholisches, tiefgründiges Meisterwerk über opferbereite Freundschaft, Gott, Todessehnsucht, Vietnam und erste Liebe in den 60er US-Jahren. Ein Genuss – dann von JI nichts mehr.
BW: 2-
Roman, 1989, als TB 852 Seiten
Heino Jäger (1938-1997): »Man glaubt es nicht«
HJ ist ein bewunderter Begnadeter für Witze ohne Pointe. Nein, sein Humor ist wahrlich nicht jedermanns, aber falls er gefällt, dann kracht´s. Genialische Einfälle, Szenerien, Gags, pointierte und fingierte Interviews, skurrile Radiobeiträge – kurz: ein Sammelsurium, das an Valentin, Henscheid und M.Gold gemahnt. HJ, ein Nordlicht, das nicht vergessen werden darf. Stöbern, auch wenn´s weh tut!
BW, je nach Humorgeschmack: 2+ bis 4-
Anthologie seiner Werke, 2005, als TB 476 Seiten
Kristian D. Jensen (*1971): »Leibspeise«
Der Suizid seiner Frau stürzt Feinschmecker McCoy in Trauerarbeit: Ein handlungsloser Roman übers Lukullische, Fresssucht und die Fratze der Erinnerung. Alles ist sinnlicher Gaumenkitzel: Leben, Liebe, Reisen. Ein lehrreiches Kulinarium mit klaren Wertungen; ein manieriertes Totenbuch aus Passion und Zorn. Das Freitod-Motiv aber ist bloß eine plot-Krücke und macht den zögerlichen Schluss zäh wie ein altes Schnitzel.
BW: 3-
Roman, 2004, als TB 464 Seiten
Uwe Johnson (1934-84): »Jahrestage«
Ein sagenhaftes Buch-Monstrum – penibelst, historisch, erstaunlich; das Leben von Gesine und Marie Cressphal. Verschachtelt in Rückblicken gen DDR-Heimat, schildert UJ der beiden 365 Jahrestage 1967 bis 1968 in New York. Faszinierend-anstrengend zu lesen, Vietnamkrieg, Prager Frühling, Alltag. Will man all das wissen, ein Kompendium sondergleichen – anderen Lesern verschlägt die Quantität die Lust.
BW aufgrund des schweren "Zuganges": 3-, stilistisch: 1+
Roman, 1970-1983, gebundene Ausgabe: 1706 Seiten
James Joyce (1882-1941): »Ulysses«
Dieser phänomenale Bewusstseinsstrom, der an einem Tag (16.6.1904) im Dublin des L.Bloom spielt, dieses nicht zusammenzufassende Epos – wer, der es behauptet, hat den modernen Weltroman wirklich gelesen? Sprachliches Wunderwerk und Fleißarbeit, bietet es ›Bloomsday‹-Fans Anlass zum JJ-Kult; andere stellt es vor die Hürde, in dem, was laut JJ nie ›Abschweifungen‹ sind, den inhaltlich-roten Faden nicht zu verlieren.
BW aufgrund des schweren "Zuganges": 3, stilistisch: 1+
Roman, 1922, jede mögliche Buchvariante
Miranda July (*1979): »Zehn Wahrheiten«
16 Erzählungen wie tektonische Plattenverschiebungen: Teile der Realität passen nicht mehr aneinander. Irritierend, staunenswert, witzig und düster. Doch Menschen sind so, sie sind es wirklich: wundervoll trivial und zugleich versch(r)oben-bizarr. Der ein oder andere plot "funktioniert" nicht – insgesamt aber ist das Buch zwingend lesenswert. Da tun sich Abgründe menschlicher "Normalität" auf.
BW: 2+
Erzählungen, 2008, gebundene Ausgabe: 260 Seiten
Franz Kafka: »Der Proceß (Der Prozess)«
Zahllose Ausgaben, ganze Bibliotheken der Erforschung: FKs »P« gilt zu Recht als zentrales Standardwerk der Moderne, Opferheld Josef K. als Synonym menschlicher Frage- und Infragestellung. Ein notwendigeres Buch gibt es nicht. Die Hymnen, die man anstimmen möge, müssen sprachlos bleiben. Erstaunen, Erschrecken, Glück, und über allem das Große Rätsel, wer uns unsere Welt je verzeiht.
BW: 1+
Roman, 1925, je nach Ausgabe ca. 300 Seiten
Daniel Kehlmann (*1975): »Die Vermessung der Welt«
Humorvoll, eingängig, versiert: So beschreibt DK zwei Arten, genial zu forschen. Mathematiker Gauß erobert sich die Welt am Schreibtisch, Forschungsreisender Humboldt am Amazonas mit dem eigenen Leib. Der Stil erinnert an Nadolnys »EdL«, der Inhalt ist ein fragiles Rankwerk aus Biographie, Philosophie und Kabinett – alles in der Welt ist wichtig, man muss es nur exzentrisch genug entdecken. Wie dieses Buch!
BW: 2-
Roman 2005, als TB: 304 Seiten
Matthias Keidtel (*1967): »Ein Mann wie Holm«
Holm – 37, bei seiner Tante wohnend – ist ein Berliner, wie er monomanischer und verklemmter kaum vorstellbar ist. Und so einer lernt erstmals eine Frau kennen! Klar: Ein Buch zum Wundern und Kopfschütteln. Absurde Szenen (weil Holm alles wortwörtlich nimmt), reaktionäre (immerhin ironisierte) Rollenklischees, und ein sympathischer Couch-Potatoe ist er, quasi ein personifizierter Inselwitz.
BW: 3
Roman, 2006, als TB 352 Seiten
Hermann Kinder (*1944): »Mein Melaten«
Kauziger, sensibel-zynischer Roman übers miesepetrige Altern. Davon wird keiner verschont – bleiben dem Konstanzer Protagonisten Melancholie, Alters-Lüsternheit und die ungeschminkte Bravade aufs sture, pralle Leben: seine Frau in Köln, seine Kinder, die ihn, den 67-jährigen Beamten a.D., verachten. Um ihn herum nur Lärm, Krankheiten und greise Stoffel, die einst Männer waren. Lakonisch und furchtbar-heiter.
BW: 2
Roman 2006, gebundene Ausgabe: 240 Seiten
Stephen King (*1947): »Es«
Bin kein SK-Fan, aber dieser Albtraum-Wälzer ist Pflicht! Spannend bis zum letzten Buchstaben der Horror von sieben Kindern, die 27 Jahre später erleiden müssen, dass der Tod nicht auszurotten ist. "Es" – in Gestalt eines Clowns – lauert in der Kanalisation ihrer Stadt in Maine; sie kommen ein letztes Mal zusammen, um ihn zu besiegen. SKs Meisterwerk, danach kennt man (leider) jedes seiner Werke.
BW: 2
Roman 1986, als TB 1214 Seiten
Michael Kleeberg (*1959): »Karlmann«
Toller, essayistischer Hamburger Gesellschaftsroman! Gedanken geschliffen wie Preziosen. 1985, Karl „Charly“ heiratet seine Traumfrau, erlebt Beckers Wimbledon-Sieg, sieht sich am Anfang aller Welten und voller Elan. Doch nichts bleibt: Er wird vom Vater beruflich überrumpelt; es wandeln sich die deutsche Geschichte (Mauerfall),sein männliches Ego, sexuelle Wünsche, Ehe. Nachdenklich, melancholisch und männlich ernst.
BW: 2
Roman 2007, als TB 471 Seiten
Michael Kleeberg (*1959): »Proteus der Pilger«
H.Seelhorst hält sich für nichts weniger als ›göttlich‹. Ein grotesker Ansatz, in den 70er Jahren das Leben zu suchen zwischen Müsli, AKW-Gegnern, Jobsuche, Italienpilgerei, Liebe und künstlichem Fanal. Doch nichts will gelingen; er bleibt Durchschnitt. Für mich ist das auch der Roman: hochgelobt, doch aufgeblasen und beinahe antiquiert in seinem prometheischen Stoizismus. Ich fand keine Identifikation.
BW: 5+
Roman, 1999, als TB 527 Seiten
Martin Kluger (*1948): »Abwesende Tiere«
Ein riesiger, mutiger Pasticcio skurriler, kaum zählbarer Figuren in einem Zoo-Zirkus. Tiere, Liebe, Hass und Intrigen; der Stil ist humoresk, oft kafkaesk. Allerdings sprengt Quantität fortschreitend Qualität: wolkig-ausfasernd, und, da mindestens 500(!) Seiten ohne erkennbares Ziel, zerr-müdet das anfangs tolle Opus; ich hab´s nicht bewältigt. Toll geschrieben, aber was sollte solcher Aufwand?
BW: 4
Roman, 2002, als TB 1040 Seiten
Thomas Klupp (*1948): »Paradiso«
Ein gehypter, wie ich finde banaler Jugend-Roman. Alex B. wird zum Auto-Anhalter auf Umwegen: Seine Vergangenheit, die ehemalige und aktuelle Liebe, Schulzeit, schnoddrige Anekdoten und lustige Szenen, ja. Aber (abgesehen vom miesen Lektorat) kommt die Frage auf: und? Nur weil am Ende alle Personen am See ›Paradiso‹ mehr oder minder gewaltsam aufeinander treffen? Spaßig, aber schnell vergessen.
BW: 4
Roman, 2009, 199 Seiten
Karl Ove Knausgard (*1968): »Alles hat seine Zeit«
Empfehlenswerte philosophische Lektüre; im strukturgebenden, intensiven Rahmen-Essay über Engel wundervoll-spannend, in den biblischen Mittel-Episoden zu langatmig. Kein romanhafter Ablauf. Erbaulich, Gesamtkonzept und Schluss geben aber Rätsel auf. Hopp oder Top liegen dicht beieinander –, ein mit Preisen ausgezeichneter norwegischer Autor, den man sich merken sollte.
BW: 3-
Roman 2003, gebundene Ausgabe: 640 Seiten
Michael Köhlmeier (*1949): »Abendland«
Flüssig und stilistisch leichtfüßig, erzählt MK von Professor und Jazz-Fan Candoris, einem (fiktiven) Zeitzeugen des abendländischen 20. Jhds. In allen Verästelungen entsteht eine zwei-strängige, fulminante Doppelbiographie: auch die von G. Lukasser, der seines verehrten Mentors Leben niederschreibt. Rahmensprengend, komplex – und in allen Facetten gut. Setzt allerdings viel Durchhaltevermögen voraus.
BW: 3
Roman 2007, als TB: 784 Seiten
Michael Köhlmeier (*1949): »Der Musterschüler«
Ein sich langsam steigernder Dialog-Roman in österreichischer Internats-Szenerie. Ein Schüler ist verprügelt worden; alle waren dabei, keiner war´s. Eine schön geschriebene Parabel um Verdrängung, Schuld und Sühne. Spannend, hehr, penibel rekapituliert die verschiedenen Perspektiven – aber wer sich fürs züchtigende Schulumfeld und Robespierre-Spiele nicht interessiert, wird das Buch gelangweilt weglegen.
BW: 4+
Roman 2009, als TB: 601 Seiten
Uwe Kolbe (*1957): »Die Farben des Wassers«
Die Liebe kommt in UKs Gedichten so gut wie gar nicht vor. Ist das ein Mangel? Immerhin: Ost-West-Kindheit und -Jugend erkennen wir, ansonsten sind die Themen schwer zu fassen: Mäandernd zwischen unverständlicher Hermeneutik, Klage und Pathos schwebt UK, zwischen Bescheidenheit und Verwirrung. Nichts Halbes und nichts Ganzes, weil zu verschlossen, nebulös. Manchmal muss Lyrik halt doch etwas Einfaches sein.
BW: 2+
Roman 2005, als TB: 411 Seiten
Karl Kraus (1874-1936): »Aphorismen«
»Sprüche und Widersprüche«, »Pro domo et mundo« und »Nachts«: So heißen die hier zusammengefassten Texte –veröffentlicht einst auch in der Zeitschrift »Fackel«. Die hunderte Aphorismen sind eine Quintessenz aus KKs Zynismen und zeit-entlarvenden Spitzen gegen die Gesellschaft, seine Epoche, den Krieg und überhaupt. Wundervolle Bosheiten und intelligente, kunstvolle Apercus, die heute noch gültig sind. Prächtig!
BW: 2+
Gesammelte Aphorismen 1919-1924, als TB 531 Seiten
Helmut Krausser (*1964): »Auf weißen Wüsten«
HK hat aus drei früheren Bänden selbst das (sehr unterschiedliche) Beste ausgesucht: wunderlich-wunderbar seine Verse (alle Metren durchjongliert); ein spannender Genuss voller Charme, Trauer, Zweifel und Erstaunen, Wut, Witz und Erotik. Mehr ist von zeitgemäßer Lyrik nicht zu verlangen, klasse! Sehr sensibel und herrlich direkt, dieser Provokateur. Für mich: besser als seine teils verstiegene Prosa.
BW im Bewusstsein, dass Lyrik stimmungsabhängig ist: 1
Lyrik-Sammlung 1979-2007 (plus Bonustexte), als TB: 160 Seiten
Helmut Krausser (*1964): »Schmerznovelle«
Traditionelle Novelle um einen Arzt, der – im Österreich-Urlaub – in rätselhafte sexuelle Obsession zu einer Frau/Patientin verfällt. Flott und stringent geschrieben, doch letztlich unglaubwürdig, und „pornografisch“ (wie es der Klappentext nennt) schon gar nicht. Eher von allem ein krudes Etwas: Krimi, Kontrollverlust, Melodram, Psychose, dazu ein harscher Schluss. HK ist in seiner Lyrik klar besser.
BW: 4
Novelle, 2001, als TB 143 Seiten
Torsten Krol (*unbekannt): »Callisto«
Brillante, anfangs witzige US-Satire, die sich fingiert in so simplem Sprach-Idiom bewegt, dass selbst ein G.W. Bush sie verstünde. Odell D. gerät (im Kaff Callisto) zufällig in Terrorverdacht. Da endet alle Posse, der Heimatschutz nimmt das sympathische Landei in die Zange. Es geht um Glaubwürdigkeit und darum, wie wahr erfolterte Wahrheit ist. Beklemmend – Bush sollte man das Buch zumindest vorlesen.
BW: 2+
Roman 2007, als TB: 510 Seiten
Torsten Krol (*unbekannt): »Kleine Kannibalen«
Eine deutsche Familie notlandet 1946 im Dschungel bei Eingeborenen. Erich wird erwachsen; sein Bruder ist physisch außergewöhnlich, der Stiefvater ein drogensüchtiger Nazi, und ein Forscher lebt auch dort; die Mutter wird verrückt. Leider wirkt alles völlig konstruiert, die Figuren (vor allem Vaters Nazi-Jargon und -Verhalten) sind hanebüchen; nein: an »Callisto« kommt der Roman längst nicht heran.
BW: 5+
Roman, 2009, 432 Seiten
Michael Krüger (*1943): »Ins Reine«
Wunderbar moderne, zeitgemäße Naturlyrik, ja. Jedes Gedicht einzeln, für sich: ein Genuss. Dutzende aber: zu ähnlich. Die Verse des Literaturkritikers MK sind nicht experimentell, die Sprache ist einfach und luzide. Ein Erzählrhythmus – notate-gleich – beherrscht das Bild. Und immer wieder überraschen gelungene Metaphern, das Leben ist eine Natur-Analogie, ein exaktes Hinschauen und Bestaunen.
BW im Bewusstsein, dass Lyrik stimmungsabhängig ist: 2-
Gesammelte Gedichte, 2010, 115 Seiten
Björn Kuhligk (*1964): »Am Ende kommen Touristen«
Wahrlich sensible Gedichte über das Thema aller Themen: Erotik, Lust, Liebe. BKs erster Lyrikband, von vier weiteren nach wie vor sein bislang bester. Die Sprache und der Variantenreichtum, Liebe und Begehren in Metaphorik zu kleiden, ist verblüffend. Da er diesem Sturm-und-Drang-Thema allerdings rund 100 Gedichte widmet, geht ihm zum Ende hin „die Puste aus“. Ingesamt aber ein Genuss nicht nur für Liebende.
BW im Bewusstsein, dass Lyrik stimmungsabhängig ist: 3+
Lyrik-Sammlung 2002, als TB: 103 Seiten
Thor Kunkel (*1963): »Das Schwarzlicht-Terrarium«
Der depressive Nachtwächter Kunkel erlebt in den 1970er-Jahren Frankfurt: Szene, Nachtleben, US-Soldaten, Drogen, Alkohol, Waffen, Sex. TK beschreibt ihn und seine Freunde; es sind Grenzgänger, Verlierer, Träumer auf der Suche nach ein wenig Glück. Ein abwechslungsreicher Tempo-Roman (wenn auch 200 Seiten zu lang), Pulp-Fiction bis zum Raubmord. Lesenswert und intensiv im damaligen Zeitgeist.
BW: 3
Roman, 2000, als TB: 640 Seiten
Mark Kunz (*1962): »Die richtige Frau«
Viele Rezensenten sind begeistert – ich finde das Buch abstrus, weil es so viele typisierende Plattitüden reiht, dass ich darin weder einen von seiner Frau „verstoßenen“ ›Mann‹ noch eine ›Frau‹ „in der Krise“ erkennen mag. Ja, viele lustige Szenen, Slapstick, Übertreibungen und Blitzeisunfälle (Schenkelklopfer, ja?) –, aber es gibt wesentlich bessere, klügere Männer-Frauen-Romane. Nett, aber belanglos.
BW: 4
Roman 2007, als TB 222 Seiten
Thomas Lehr (*1957): »42«
Stimme manch begeisterter Kritik nicht zu: 70 Personen überstehen die 42. Sekunde um 12:47 eines Genfer Sommertages – alle anderen, die ganze Welt, ist wie in einer "Fotografie" versteinert. Zeitstillstand. Was ist geschehen? Die Idee: gut. Aber die Figuren: gesichtslos, die Durchphysikalisierung des plots nervend, die beklemmende Gruppen-Psyche zu komplex. Beim Lesen stand mir die Zeit still – leider.
BW: 4-
Roman, 2005, als TB 256 Seiten
John Robert Lennon (*1970): »Postmann«
Postbote A. Lippincott stellt oft Briefe, die er im US-Provinzkaff Nestor verteilen müsste, nicht zu. Geschildert wird sein Außenseiter-Alltag – unsere normalo-brutale Konsumwelt, die uns bis zum Überdruss ins spießige Gesicht peitscht. Nein, ich habe das Buch nicht geschafft – es war des Ereignislosen zuviel, obwohl Nörgler A.L. liebenswert-spinnert ist und sein Leben so brachial auseinander bricht.
BW: 3-
Roman, 2003, als TB 605 Seiten
Tom Liehr (*1962): »Pauschaltourist«
Nikolas und Nina werden für ihre Zeitung zur sechswöchigen Touri-Reise durch die üblich-verdächtigen Reiseländer geschickt. Auf Neckermanns Spuren recherchieren sie Klischee-Küsten und -Hotels, erleben Suff, Abenteuer, Raub und Nepp jeder Art. Sex und intime Verwicklungen dürfen nicht fehlen: Der Schmöker ist lustig und böse, subsummiert aber wohl nur Länder, die TL schon mal bereist hat. Albern.
BW: Seichtes U-Bahn-Schmöker-Genre, ohne ernsthafte Bewertung
Roman, 2009, als TB 336 Seiten
Jonathan Littell (*1967): »Die Wohlgesinnten«
Missratenes Scherbengericht mit Streitpotenzial: Der 2.Weltkrieg als Todessehnsucht, Massenmord an Juden, Inzest, Stalingrad, vorgeblicher Krimi; nichts wird ausgelassen. Fiktive Pseudo-Doku des SS-Mannes Aue (1941-45). Alles vom Reißbrett, nichts wirkt echt, alles ölig. Recherche ersetzt Authentizität, mythologischer Anspruch Mitfühlen. Lesegenuss? Wer das "genießt", liest nicht, sondern schwelgt in verbeamteter Blutpornografie.
BW: 6+
Roman, 2008, gebundene Ausgabe: 1388 Seiten
Norman Mailer (1923-2007): »Die Nackten und die Toten«
Die fiktive Pazifik-Insel Anopopei. Ein berühmtes Buch über 2.Weltkriegs-US-Soldaten, die angesichts des Gemetzels zunehmend "nackt" dastehen. Stilistisch behäbig; eine mehrsträngige Story, die durch heutige Kino-Kriegs-Ikonographie altbacken wirkt. Holzschnittcharaktere, "gute Kerle", finden im Dschungel den Tod, in Rückblicken und Peace-Sehnsüchten zu sich selbst –, aber nicht zu mir.
BW: 5+
Roman, 1948, als TB: 860 Seiten
Claudio Magris (*1939): »Blindlings«
In psychiatrischer Anstalt der Redeschwall eines Mannes, der für zwei spricht. Ein Kompendium, mythologisch so überbordend, dass das Lesen in Arbeit „ausartet“. Kopenhagen, Island, Tasmanien, Jugoslawien, Dachau – argonautische Stationen europäischer Politik und Verbrechen: Alles wird beleuchtet, verknüpft, aus dänischer und italienischer Perspektive. Nur, wer das in dieser Monströsität ohne Hilfestellung lesen soll?
BW: 3-
Roman, 2007, als TB: 414 Seiten
Thomas Mann (*1875-1955): »Doktor Faustus«
Ein Kontrapunkt gegen Krieg und Nazitum: der den Zeitgeist sprengende Inhalt um A.Leverkühn, die Zwölfton-Musik, Nietzsche, die ganze Enzyklopädie und Personenwelt, derer TM fähig war. Nicht zusammenzufassen, aber immer und jederzeit wieder ein Muss. Für mich TMs kolossalster (und neben dem »Zauberberg« beeindruckendster) Geniestreich; schwer zugänglich, doch: Diesen Anti-Teufels-Pakt muss man kennen.
BW: 1-
Roman, 1947, jede mögliche Buchvariante
Thomas Mann (*1875-1955): »Zauberberg«
Die monumentale, intelligente Parabel auf Zeitvergehen, Tod und Untergang des Abendlandes vorm II.Weltkrieg: Hans Castorps parodistische Reise ins Bergsanatorium, sein Verweilen dort, die skurrilen Figuren und allegorischen Wegbegleiter. Ein Klassiker, der – bis auf wenige „angestaubte“ Passagen – brennend aktuell ist, jeden herausfordert und eine phänomenale Wirkungsgeschichte zeigt. Pflicht!
BW: 2-
Roman, 1924, jede mögliche Buchvariante
Thomas Mann (*1875-1955): »Buddenbrooks«
Mich peitschen TM-Fans, aber ich sag´s: Der Roman fesselte mich nicht, nein. Okay: gutes Buch; ein feiner Erstling, ja. Aber mir zu konstruiert, überzuckert, platt. Lübeck-Kolorit, ja. Familienverfall, Sitten und Gebräuche, Eheleid, ja, ja. Mir blieben aber: ledriger Nachgeschmack, gekünstelte Schlüsselfiguren, das Anfangs-Werk eines Frühreifen ohne das Leben wirklich zu kennen. Für mich kein Nobelpreis.
BW: 4+
Roman, 1901, jede mögliche Buchvariante
Thomas Mann (*1875-1955): »Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krul«
Leider nur ein Fragment: Krull gilt als unbeschwerteste aller TMschen Figuren; ein Schelm, Schalk, Hochstapler, Schwerenöter, Dieb. Ironisch-witzig und auf jeder Seite ein parodistisches Feuerwerk: Lissaboner Hotelangestellter Krull lernt das Leben und die bezaubernden Frauen per Rollentausch kennen, jeder mag ihn, alles ist ihm bereitet. Und doch ist alles nur aristokratische Illusion, und das ist gut so.
BW: 2+
Roman, 1954, jede mögliche Buchvariante
Sándor Márai (1900-1989): »Schule der Armen«
Zwar sind die gesellschaftlichen Voraussetzungen des ›Leitfadens für Menschen mit geringem Einkommen‹ heute zur Hälfte überholt, aber die übrige Hälfte hat es in sich. Böse, ironisch und traurig analysiert Pessimist SM Herkunft, Gebaren und Gewohnheiten der Armen. Darin erkennen wir unsere Zeit wieder, nichts hat sich geändert. Die Konstanten bleiben, die Irrtümer und Hoffnungen auch. Klug – und oft zu wahr.
BW: 3+
Essay, 1947, als TB 170 Seiten
Gabriel Garcia Marquez (*1927): »Hundert Jahre Einsamkeit«
Familiengeschichte der Buendias in magisch-realistischen Bildern; ein Epos über den Ort Macondo in zerfledderndem Ausmaß: eine zähe Zumutung aus gleichnamigen Figuren, die hochmütig sind, unbändig, siegreich oder verloren. Ein Kaleidoskop Südamerikas; mühselig, sich zurechtzufinden. Grandiose Metaphern ja, beim Überblick aber mangelt´s. Hundert Jahre können sehr lang sein. Zwiespältig.
BW: 4+
Roman, 1997, 486 Seiten
Yann Martel (*1963): »Schiffbruch mit Tiger«
Locker-unverbindlicher Roman über den 16-jährigen Pi Patel, Zoobesitzer-Sohn, der nach einem Schiffbruch auf dem Meer treibt – im Schlauchboot samt Tiger. Von der Kritik verrissen: die Meditationen, die unterschwellig-naiv Mensch & Tier und alle Religionen paradies-ieren wollen. Dennoch: prima zu lesen, witzig, klug und voll der zoologischen Feinheiten.
BW: 3+
Roman, 2003, 382 Seiten
Peter Matthiessen (*1927): »Far Tortuga«
Das Meer, die karibischen Cayman-Inseln, harte Männer, Seeleute – und all das, was dieser Kontext symbolisieren soll: Kampf, Überleben, das Leben an sich. Vordergründig interessant die Textstruktur und graphische Anordnung der Kapitel, was wohl hohe Assoziativität und Philosophie abbilden soll – ich fand´s textblähend und auf Dauer nervig. Der Inhalt? Nun ja: eben das, was er symbolisieren soll.
BW: 5+
Roman, 1975, 450 Seiten
Barry Max (*1973): »Logoland«
In einer von Großkonzernen terrorisierten Konsumwelt endet eine Markenkampagne tödlich: H.Nike soll Turnschuh-Käufer werbewirksam erschießen. Klingt herrlich zynisch. Klingt? Ja: Die Auflehnung gegen diesen Job liest sich anfangs witzig – und wird immer schlechter. Stil: grausam. Story: böse, aber so durchsichtig, dass sie schon nach 50 Seiten anödet, so what? Schade, das Gegenteil von gut ist gut gemeint.
BW: 5+
Roman, 2003, 398 Seiten
Frank McCourt (1930-2009): »Die Asche meiner Mutter«
Autobiographisches irisches Kindheitsmelodram zwischen Lachen und Katholizismus. FM schildert anrührend-komisch bittere Not im Slum in Limerick, Tod, Bildungsarmut, ein Auswandererschicksal, des Vaters Alkoholismus. Ironisch und larmoyant, und stets voller Hoffnung auf die Neue Welt. Nimmt einen gefangen! (Die zwei Folgebände erreichen diese Authentizität und Dichte bei weitem nicht mehr.)
BW: 2
Roman, 1998, als TB: 539 Seiten
Ian McEwan (*1948): »Abbitte«
Zweigeteilter – erst biederer, dann postmoderner – Psycho-Roman um die Lüge Brionys, die 1935 die Liebe ihrer Schwester Cecilia zu Soldat Robbie aus pubertärer Wirrnis zerstört. Für IM-Fans ein ´großer Wurf´ –, mich langweilte die angestrengt-psychologische Fundierung der Protagonistinnen. Blutiger Krieg, Schuld und Sühne, kitschiger Schluss. Einfach nicht mein Fall.
BW: 4+
Roman, 2002, als TB: 544 Seiten
Tom McNab (*1967): »Trans America«
Streckenweise langweiliger Sportlerroman. 1931 starten tausende Läufer – mit unterschiedlichster Vita, Internationalität und Individualität – von LA nach New York ein 5000-km-Rennen. Somit vorhersehbar: Duelle, Heroismus, die einzige Frau, und nur einer kann gewinnen. Übers Marathonlaufen lernt man sehr viel; die Charaktere aber bleiben notgedrungen holzschnittartig und tugendhaft.
BW: 4+
Roman, 1982, 551 Seiten
Gianluigi Melega (*1935): »Von den fortschreitenden Übertretungen des Major Aebi«
Waren das noch Epochen, als solch libertinäre Lust Wellen schlug. Nun, auch heute ist es ein sensibel geschriebener Roman mit intelligenten Reflexionen, die die sexuellen Eskapaden des Schwerenöters und steinreichen Majors Aebi brechen. Doch in Internet-Erotikzeiten muten seinen Altherren-Phantasien verschämt an; ergötzen kann man sich immerhin an den retardierenden, gelungenen Kapiteleinschüben.
BW: 3-
Roman, 1976, 197 Seiten
Herman Melville (1819-1891): »Moby Dick«
So viel genialer Anfang der Moderne war selten! Ein Klassiker über Käpt´n Ahabs Jagd nach dem Weißen Wal, überflüssig, ihn hier zusammenzufassen. In der vollständigen Ausgabe eine Quelle modernen Denkens, Schreibens, Enzypklopädierens. Ein fesselnder Abenteuerroman, der an die philosophischen Kerne des Menschen rührt; besonders gut neu übersetzt (meiner Ansicht nach) von F. Rathjen. Unverzichtbar!
BW: 1-
Roman, 1851, in vollständiger Ausgabe rund 1000 Seiten
Herman Melville (1819-1891): »Bartleby, der Schreiber«
Kafkaesk lange vor Kafka! Wie ein Sog, so "modern": Der deprimierte Schreiber Bartleby, neu in einer Wall-Street-Kanzlei, verweigert sich mit "Ich möchte lieber nicht" allen Aufgaben, sozialer Eingliederung, später sogar dem Leben. Absurderweise kündigt ihm sein Chef nicht (verlässt sogar sein Büro des neuen "Freundes" wegen). Vielschichtig deutbar, faszinierend klar, kühl und neu übersetzt: grandios.
BW: 1
Erzählung, 1853, neu übersetzt 2004, als TB: 96 Seiten
Robert Menasse (*1954): »Don Juan de la Mancha«
Ja, RM schreibt unamüsante Platitüden. Ja! Studentinnen-Platitüden, Männer- und Ehe-Platitüden; man fragt, warum soll man all das über den beau und Frauen-Nichtversteher Nathan lesen? Ein von Pseudo-Aphorismen strotzender Debatten-Roman, der (aus männlicher Sicht) von Sex und weiblichen Bedürfnissen berichtet – doch eine große diffuse, männliche Leere meinen will. Bloß, mein Wille ist das nicht.
BW: 4-
Roman, 2007, als TB: 273 Seiten
Steffen Mensching (*1958): »Lustigs Flucht«
Intelligenter und intellektueller Abgesang auf den Berliner Literaturwissenschaftler Ernst Lustig, der sich – der Welt, den Frauen, seinem Verlag und allem überdrüssig – verbarrikadiert, um endlich sein Schiller-Buch fertigzustellen. Absurd, spaßig, wenngleich ohne tiefe ›dichterische‹ Botschaft. (Und ähnlich zu T.Rammstedt »China«, der auch eine Asien-Reise fingiert, um sich Besucher zu erwehren.)
BW: 3
Roman, 2005, 328 Seiten
Michael Mettler (*1966): »Die Spange«
Welch skurril-witziger plot: Im Mund des Erzählers findet der Zahnarzt eine Zahnspange, die eine „fünftausend Jahre alte Siedlung“ sei. Diese wird archäologisch untersucht, die Handlung immer irrwitziger –, aber auch zum Problem: MM ergeht sich in kafkaesken Absurditäten, doch er verliert seine Idee. Kein Zusammenhang erschließt sich, die Story führt sich selbst ad absurdum und ins Leere. Schade.
BW: 4-
Roman, 2006, 351 Seiten
Magnus Mills (*1954): »Die Herren der Zäune«
Kluge Geschichte um drei schottische Zaunbauer in England. Knochentrocken und (der Bindestrich ist Absicht) ungeheuer-witzig. Es geht um die Lakonie des simplen Lebens, kleine Träume, Pfahllöcher in öder Landschaft, triste Kneipenabende und mehrere Unglückstote (zuletzt fragt man sich, ob die nicht glücklicher sind als die Romanhelden). Feiner englischer Humor, irgendwie das wahre (absurde) Leben.
BW: 2-
Roman, 2000, als TB: 216 Seiten
Magnus Mills (*1954): »Indien kann warten«
Feines in MM-Manier; leider dem Erstlingsroman »Zäune« zu ähnlich. Ein Indien-Reisender übernimmt immer größere, ihm von einem Campingplatzchef gestellte Arbeiten. Er wird sogar Milchmann, bleibt im trüben Nordengland stecken, im Ort, in der Kneipe, bei kauzigen Typen, im Leben – doch er ist´s zufrieden. Leise, präzise, mit vorhersehbarem, aber authentischem Schluss (und einer skurilen Wette). Gelungen.
BW: 2-
Roman, 2002, als TB: 229 Seiten
Magnus Mills (*1954): »Zum König«
Typischer MM-Roman, leider schwach: Glücksuchende Einsiedler, die auf einer Nirgendwo-Hochebene hausen, geben ihre kargen Blechhütten auf und ziehen zu einem charismatischen Guru, der den Neubeginn fordert. Nur der Protagonist – von einer Frau umhegt – macht nicht mit. Na ja. Eine Anti-Utopie, nicht kafkaesk, bloß viel zu konstruiert, schal und nicht komisch. Mein Fazit diesmal: So ein Blech.
BW: 4-
Roman, 2004, als TB: 188 Seiten
Giles Milton (*1966): »Die wundersame Nase des Edward Trencom«
Trencom – soll wohl an Süskinds Grenouille erinnern, nur umgekehrt – leitet den Käseladen Englands, fürchtet aber um seine feine Nase und sein Leben. Mehrere Zeitschienen, die Figuren blass, stilistisch banal und inhaltlich pseudokriminologisch. Viele Erklärungen über Käse, die aber nichts spannender machen, sondern nur noch mehr fingieren. Ich mag ja Käse, nenne aber dieses Buch einen solchen.
BW: 5-
Roman, 2007, als TB: 412 Seiten
David Mitchell (*1969): »Der dreizehnte Monat«
Cool. So müssen 13jährige in der englischen Provinz sein –, denn wer hier 1982 aufwächst, stottert und nicht cool ist, ist in Mitschüleraugen ›schwul‹, unbedingt. Ein prächtig-ironischer Roman über die Pubertät, über Orientierungssuche, Eltern-Vermeidungs-Strategien und einen heimlichen, klugen Jungdichter, der seinen Platz in der (brutalen) Welt noch sucht. Authentisch, zupackend und turbulent.
BW: 2
Roman, 2007, als TB: 493 Seiten
Philipp Moog (*1961): »Lebenslänglich«
Ein Krimi, der keiner sein will: trotz dreier „Unfälle“, die der unscheinbare, sich selbst verabscheuende Bankkassierer an jenen Männern tätigt, die ihm die ohnehin unerreichbaren Frauen wegnehmen. Als Tröster hofft er geliebt zu werden, doch nur eine Dame steht ihm bei. Witzig, zynisch, ehrlich: Wer so dick und hässlich ist, leidet im eigenen Körper an „lebenslänglicher“ Missachtung und Nicht-Liebe.
BW: 2
Roman, 2008, 189 Seiten
Bodo Morshäuser (*1935): »Alle Tage«
BMs einziger Gedichtband: Der Berliner Flaneur beobachtet lakonisch und unzufrieden die Lakonischen und Unzufriedenen. Daraus lässt sich Prosa machen, die Lyrik simuliert – und in diesem rhetorischen Spannungsfeld Dramatik entfaltet. BM schrieb später keine Gedichte mehr: „Zu wenig Platz darin“ sagte er, der aus kleinen Blicken lieber – und das ist positiv gemeint – den großen Gestus machen mag.
BW im Bewusstsein, dass Lyrik stimmungsabhängig ist: 3
Gedichtsammlung 1974-1979, als TB 70 Seiten
Heiner Müller (1929-1995): »Gedichte«
Der Tod ist von Anfang an präsent: bierernst, traktat- und moritatenhaft. Die Lyrik von HM ist vehement, lakonisch; viele der 120 Texte (ein Drittel aus dem Nachlass) verwob er in seine Dramen. Zehn Jahre schrieb der Dialektiker nur Gedichte und arbeitete sich auch mit ihnen an B.Brecht ab. Meisterhaft, pessimistisch, kompromisslos kurz vorm Tod – doch zu sehr an ihre historische Zeit gebunden.
BW im Bewusstsein, dass Lyrik stimmungsabhängig ist: 2-
Sämtliche Gedichte, Gesammelte Werke Bd.I, 1998, als TB 360 Seiten
Sten Nadolny (*1942): »Die Entdeckung der Langsamkeit«
SNs "großer Wurf", vollends gegenwärtig: Seemann und Nordwestpassagen-Forscher John Franklin, dessen Langsamkeit den Blick auf Welt und Details schärft, rät zur Gelassenheit, Sorgfalt und zum bewussteren Leben. Dieser Trend gegen die Zeit traf ihren Nerv; abenteuerreich verlieh SN einem Lebensgefühl Gewicht: dem Lob der Entschleunigung. Ein fulminanter Entwicklungsroman, der Gutes tut.
BW: 2
Roman, 1983, 358 Seiten
Moritz Netenjakob (*1970): »Macho Man«
Völker-Fastfood über Daniel, der sich in Aylin verliebt. Mit witzigen Szenen deutsch-türkischer Vorurteile. Ist´s gut, wenn ein Alice-Schwarzer-Gehemmter zum Womanizer wird? Indem politisch unkorrekt Macho-Kultur affirmiert wird? Launiges Feuerwerk contra Softietum; lehrreicher (für alle, die´s mögen) als zehn Ratgeberbände. Daniels Alter (35) ist allerdings völlig unglaubwürdig – und der Schluss bescheuert.
BW: Seichtes Roman-Genre, außerhalb ernsthafter Bewertung
Roman, 2009, 287 Seiten
Lars Niederreichholz (*1968): »Unknorke«
Vier unterhaltende Fünftel lang rechnet LNs Held Marc in einer verlogenen Öko-Bank sarkastisch mit der Multikulti-Jute-Bewegung ab. Das angeklebte letzte Fünftel aber spielt in Australien (er: geflohener, genervter Familienvater, Häuslebauer) – und zerstört "unknorke" das ohnehin Schenkelkopfende. Wenn überhaupt, bitte nur Geld fürs vordere Vierfünftel zahlen: Das zumindest ist launig-böse.
BW: Seichtes U-Bahn-Schmöker-Genre, ohne ernsthafte Bewertung
Roman, 2008, 236 Seiten
Norbert Niemann (*1961): »Willkommen neue Träume«
TV-Journalist A.Weidenfeldt kehrt ins Bayerische zu seiner einst berühmten Mutter Clara zurück. Die Wiedersehensfeier gerät zum pessimistischen Aufgalopp bundesrepublikanischer Streitigkeiten. Ein fast nicht lesbarer Roman, der an erlebter Rede und auktorialem Duktus erstickt. Letzlich unerkennbare Dorf-Figuren, deren zerredetes Seelenleben jede Handlung untergräbt. Enttäuschend.
BW: 4-
Roman, 2008, 608 Seiten
Helga M. Novak (*1935): »Margarete mit dem Schrank«
HMN, preisgekrönt, schreibt so vielfältig wie ihr Leben: hier 48 Gedichte in vier Zyklen, die zwischen Aufstand, politischem Frust und unidyllischer Naturlyrik wechseln. In Ostdeutschland aufgewachsen, scheint HMN nie angekommen in der neuen Westwelt – und sieht sie umso genauer, böser und derber. Ehrliche Gedichte, die „locker“ scheinen, aber bitter gemeint sind. Sie kann nicht anders – und das ist gut so.
BW im Bewusstsein, dass Lyrik stimmungsabhängig ist: 3+
Gedichtsammlung 1978, als TB 78 Seiten
Markus Orths (*1969): »Das Zimmermädchen«
Neurotikerin Lynn Z. ist als Hotel-Zimmermädchen an bester Stelle. Immer dienstags versteckt sie sich unterm Hotelbett und belauscht die Gäste; sie hat ein Verhältnis mit einem Mann und einer Prostituierten. Die Leere ihres eigenen Lebens äußert sich in zwanghaftem Putzen, Unsichtbarmachen und Voyeurismus. Eine Erzählung (kein Roman!), in der es um Identitätssuche, Einsamkeit und eine banale Welt geht.
BW: 4+
Roman, 2008, 137 Seiten
Markus Orths (*1969): »Hirngespinste«
Autor Kranich ist nach seinem Erstlingserfolg schreibblockiert. Er nistet sich bei Tante Erna mietfrei ein, quält seinen Verleger mit absurden Schreibversuchen, will sich (für neue Ideen) hirnstrom-stimulieren lassen – und seine schwangere Schwester kommt auch ins Spiel. Eine humorvolle, doch letztlich banale Literaturbetrieb-Satire. Oberflächlich, nett, mit witziger Heidegger-Passage; das war´s.
BW: 4+
Roman, 2011, als TB 160 Seiten
James P. Othmer (*unbekannt): »Bullshit Nation«
Also gut: Zynismus pur. Der berühmte Trendforscher Yates verkündet, dass er nichts weiß und nie wusste. Er will nicht mehr lügen, sondern aussteigen. Skandal! Skandal? Nein, schon vermeintlich Sokrates wusste es besser: Was soll am Nichtwissen sensationell sein? Es folgen eine Räuberpistole, viel Action und ein bisschen Erotik. Und letztlich des Lesers Frage: Lüge ich, wenn mich das langweilt?
BW: 5+
Roman, 2006, 366 Seiten
Miodrag Pavlovic (*1928): »Einzug in Cremona«
Teils wirklich gelungene Gedichte aus dem Serbischen, die ein halbes Jahrhundert umspannen. Die Anfänge MPs sind lakonisch-klar, später folgen unterschiedliche lyrische Formen und Tonlagen bis hin zu Prosagedichten. Fast alle Verse sind politisch, oft mythisch gespeist –, wie bewegt sich der Mensch durch seine Geschichte? Wo ist die Klammer von den 50er Jahren zum traumatischen Zerfall Jugoslawiens?
BBW im Bewusstsein, dass Lyrik stimmungsabhängig ist: 2-
Gedichtauswahl 1952-2002, 178 Seiten (Nachwort von Peter Handke)
Walker Percy (1916-1990): »Der Idiot des Südens«
Sorry, hab ich etwas oder alles, was der ziellose US-Südstaaten-Antiheld W. Barrett tut (oder will, oder vergessen hat, getan zu haben) nicht verstanden? Ich fand keinen Zugang zu diesem Roman – nicht zum Fernrohr-Zufall, der als Story-Nukleus zu viel kaprizieren muss, nicht zur familiär-komplexen Liebesgeschichte ohne Pep, nicht zum Schluss. Nur rätselhafte Leere ohne Spannung. Oder geht´s genau darum?
BW (das Unverständnis muss an mir liegen): 5
Roman, 1966, 464 Seiten
Marisha Pessl (*1977): »Die alltägliche Physik des Unglücks«
Eine Romanwiese, auf die Metaphern-Obst sekündlich herunterprasselt. Dieses Bildungsbestiarium schildert das College-Cliquen-Leben der 16-jährigen hochbegabten Blue, ihren allein erziehenden Womanizer-Vater und viel (Geheimbund-)Mysteriöses rund um den Tod einer beliebten Lehrerin. Lob: MP kann dieses Debüt nicht wiederholen. Contra: Warum auch? Was, wenn auch klasse, sagt sie uns? Dass alles Lug und Trug ist?
BW: 3+
Roman, 2007, 601 Seiten
Thomas Pletzinger (*1975): »Bestattung eines Hundes«
D. Mandelkern soll den scheuen Kinderbuchautor Svensson interviewen. In der Diktion P. Esterházys schildert TP Mandelkerns Luganer-See-Reise, seine Liason mit einer Finnin. Das rückblickende, zwei-strängige Konstrukt ist ambitioniert. Der Svensson/Hund-Strang ist TP wenig gelungen, da langatmig. Fein jedoch stellt das Buch kompliziert die Fragen nach den einfachen (Liebes-)Zielen Dreißigjähriger.
BW: 3+
Roman, 2008, 352 Seiten
Matthias Politycki (*1955): »Herr der Hörner«
Ja, Kuba ist Aussteigerambitionen und Roman allemal wert – leider kann Broder Broschkus, hanseatischer Bankier, nicht bis zum Schluss fesseln, selbst, wenn es um seine Lolita geht. Ambiente, Sitten und Voodoo sind kenntnisreich koloriert, aber nicht über 700 Seiten - die kann MP nicht bändigen. Eine tolle Sprachdiktion; aber wohin führt das Archaische, Fremde, Schwüle? Schade, eine karibische Chance vertan.
BW: 4
Roman, 2005, 735 Seiten
Richard Powers (*1957): »Der Klang der Zeit«
Der USA-Konflikt Schwarz/Weiß mal nicht schwarzweiß: RP vermag seinen Traum von der kulturellen Einheit an der afro-deutschjüdischen Familie Strom auszubreiten, deren ältester Sohn – gegen alle Widerstände – zum Star-Tenor heranwächst. Generationenlange Identitätsfindung in wundervollem Parlando, die Kraft der Musik in vital übersetzter Sprachvirtuosität. Nein, zu lang ist (mir) der Roman nicht.
BW: 1-
Roman, 2004, 764 Seiten
Richard Powers (*1957): »Das größere Glück«
Ist das größte Glück das eigene ›Ich‹? Ein Roman, in dem es um alle Glücks-Facetten geht. Teils essayistisch rund ums ›Glücksgen‹, nimmt einen die RP-typische Metaphernstärke gefangen. Dennoch wirkt der rote Faden – eine Algerierin, deren phänomenales Glücklichsein krankhaft wirkt – nur als Vehikel für allerlei chemisch-wissenschaftliche Einschübe und Psychodiskussionen. Überwältigendes Leseglück? Nein.
BW: 3-
Roman, 2009, 415 Seiten
Richard D. Precht (*1964): »Die Instrumente des Herrn Joergensen«
Man muss schon arg Krimifan sein, um die Behäbigkeit des Norwegen-Wälzers zu ertragen. Dabei geht´s vorerst um die kleine idyllische Insel Lilleö, einfache Leute, um Kriminalassistent Joergensen, der im Inselarchiv viel entdeckt – und nach 200 Jahren einen Mordfall löst. Leider wird alles Prechtsche Naturwissen in gekünstelte Zeigefinger-Dialoge verpackt, die stilistisch durchschnittliche Story war mir zu zäh.
BW: 3-
Roman, 2009, 570 Seiten
Thomas Pynchon (*1937): »Gegen den Tag«
Ein vogelwildes, babylonisches Panoptikum, ein uferloser Mahlstrom ohne skizzierbaren plot, eine gaga-Unleserlichkeit mit unzähligen Figuren (die bloß Karikaturen bleiben). Anfänglich geht´s um US-Luftschiffer ab 1893, das Erwachen der Moderne, es geht vor allem um Anarchie, um… worum? Irgendwie um alles, was Welt wurde. Ein explodierendes Enzyklopädie-Gebirge, leider ohne jede editorische Hilfestellung.
BW aufgrund der Überlänge: 4+, stilistisch: 1+
Roman, 2008, 1595 Seiten
Thomas Pynchon (*1937): »Die Enden der Parabel«
TP-typisch: Zweihundert Seiten genial (auch übersetzt), dann der verstiegene, alles zerstäubende, nichts mehr strukturierende Nebel göttlicher Allschreib-Phantasien. Ja, es geht um die V2-Rakete, Pawlow, den Geheimdienstler Slothrop und um 400 handelnde Figuren, um IG Farben, Untergangslust, Drogen, die Ostsee, der ganze Globus auf tausend Seiten. Oder waren es gefühlte zehntausend? Genialität muss auch Lesbarkeit schaffen!
BW aufgrund der Überlänge: 3-, stilistisch: 1+
Roman, 1983, 1193 Seiten
Tilman Rammstedt (*1975): »Der Kaiser von China«
Keith soll seinen Opa begleiten: Der erhielt eine Chinareise geschenkt, doch der Enkel möchte nicht mit und versteckt sich. Mit Briefen gaukelt er der Familie vor, beide seien aber dort. Hochgelobter Roman, der mich eher enttäuscht: zäh, aus einem Reiseführer abgeschrieben und viel zu lang. Schreiben, um einen Toten wieder zum Leben zu erwecken? Nun ja; habe immer gewartet, dass der große Witz kommt.
BW: 4+
Roman, 2008, 192 Seiten
Christoph Ransmayr (*1954): »Die letzte Welt«
Tomi am Schwarzen Meer, 8 n.Chr. Hier, im Exil, soll sich der Dichter Ovid samt Hauptwerk »Metamorphosen« aufhalten. Der Römer Cotta will ihn finden. Das Thema klingt sperrig, doch CR zaubert ein enigmatisches, traumdurchwirktes Buch der Suche. Eine subreale Letzte Welt, magisch-realistische Sprache, ein Gedicht in Prosaform. Mythen werden aufs Heute hin verständlich gemacht, ein bravouröser Genuss.
BW: 2+
Roman, 1988, als TB 316 Seiten
Luke Rhinehart (*1969): »Der Würfler«
Kultroman, in der Realität nachgeahmt: Würfeln als psychologische Ich-Befreiung von allen Gewohnheiten und anerzogenen Mustern. Der US-Psychologe LR er-würfelt alles, was er tut: Arbeiten, Alltag, Sex, Denken. Er driftet in die Schizophrenie – so weit, dass er sein Zufalls-Ethos zur Religion erhebt. Feine Idee („Menschen haben ohnehin keinen freien Willen“), nur auf längere Lesedauer ein wenig mürbe.
BW: 4+
Roman, 1971, 367 Seiten
James Robertson (*1958): »Der Teufel und der Kirchenmann«
Feiner anglo-amerikanischer Erzählstil. Das grundehrliche Leben des schottischen Pfarrers G.Mack – bis zu jenem Unfall, der ihn zum wahrhaftigen Teufel führt. Heiter, religionsphilosophisch, zivilisationskritisch: Dennoch knüppelt zum Schluss der heikle Konservatismus: Die Botschaft wird simpel, und eine fiktive Verwissenschaftlichung soll Glaubwürdigkeit simulieren – vergebens.
BW: 3
Roman, 2008, als TB 476 Seiten
Herbert Rosendorfer, »Briefe in die chinesische Vergangenheit«
Charmantes, leider verstaubtes Gesellschaftsporträt jenes Jahres 1983, in dem der chinesische Zeitreisende Kao-tai "landet". Amüsant, satirisch und brav seziert HR (*1923) das einstige Min-chen (München), lässt den aristokratischen Helden staunenswertes Milieu erleben. Aus heutiger Sicht überholt und tendenziös. Auch dem Nachfolgeband mangelt weiterführende Sozialkritik. Immerhin: Die Welt mit (fast) anderen Augen.
BW: 3
Roman, 1983, als TB 386 Seiten
Ralf Rothmann (*1953): »Flieh, mein Freund!«
Pubertätsnöte-Roman um Louis ›Lolly‹, der sich in Vanina verliebt und – weil sie dick ist – fast dafür schämt. Hauptfigur ist aber eher seine Mutter, die als weitgereiste, inhaftierte und flippige ´68er-in sogar ihren Sohn für spießig hält. Unterhalt- und einfühlsames Buch, lesenswert, authentisch – ohne allerdings wirklich aufregend oder mitreißend zu sein.
BW: 4+
Roman, 1998, als TB 278 Seiten
Matt Rudd (*1958?, unbekannt): »Junggesellenabschied«
Der ironischste und intelligenteste Männer-Frauen-Roman! Wie MR die grotesken Szenen einer jungen Ehe aufs Korn nimmt, wird mit sympathischen Figuren persifliert. Alles geht schief, nachdem Walker seine Traumfrau heiratete – ihr bester Freund Alex schwirrt umher, und da ist die laszive Nachbarin. Klischees und ein vorhersehbares Ende, aber intelligent und bis zum letzten Buchstaben gag-reich. Ein Genuss!
BW: 2
Roman, 2008, als TB 368 Seiten
Matt Ruff (*1965): »Fool on the Hill«
Ein lockerer Uni-Phantastik-Erstlings-Roman, der vor Absurditäten und Exzentrik birst. Eine vielsträngige Handlung um den Schriftsteller S.T. George, den Himmel suchende Hunde, sprechende Katzen, Suff und Party, Blaue Zebras, Kobolde, Studentenverbindungen, das Ungeheuer Rasferret – kurz: nicht zusammenzufassen, vor Einfällen sprühend, irre und "schräg". In dieser Qualität von MR später nicht mehr erreicht.
BW: 2-
Roman, 1988, als TB 575 Seiten
Clare Sambrook (*1964): »Der Freitag nach dem Freitag...«
Letztens im Café fragt eine Mutter ihren Sohn: „Wo ist dein Bruder?“ Er antwortet: „Weiß nicht“. Wer CS las, den packt jetzt das Grauen: Dan, Bruder des 9-jährigen Harry, verschwindet spurlos; Harry (aus seiner Perspektive) begreift das alles nicht. Der traurig-starke Verlust-Roman wird von Seite zu Seite besser. Stilistisch fein, wirken Schock und Zerfall: Nicht nur die Eltern sind am Ende.
BW: 2
Roman, 2005, 284 Seiten
José Saramago (1923-2010): »Die Stadt der Blinden«
Unsentimental geschrieben, umso eindringlicher die Eloquenz: Plötzliche Blindheit schlägt die Bewohner einer Stadt – sie werden kaserniert, ihrem Schicksal grausam überlassen. JSs Parabel auf die politische Isolation eines Landes fesselt durch Stil, Charakterbildung und Lösungshoffnung: Zuerst die Angst und die Abgründe, dann der solidarische Kampf ums menschenwürdige Überleben. Grandios.
BW: 2
Roman, 1995, 400 Seiten
Hansjörg Schertenleib (*1957): »Das Regenorchester«
Sensibler Roman über einen Schweizer Schriftsteller, der in Irland seiner verlorenen Ehefrau nachtrauert und die ältere Dame Niamh kennenlernt. Sie gibt ihm durch den Bericht über ihr schweres Leben neue Kraft – stirbt aber. Leider voller Klischees über Irland (Regen, Landschaft), eine ›Harald and Maude‹-Idee und Sterbebegleitung, die angenehm lakonisch daherkommt. Etwas langweilig und zäh auf Dauer.
BW: 4+
Roman, 2008, 231 Seiten
Frank Schätzing (*1957): »Der Schwarm«
Hollywood-Kitsch in Weltenretter-Soße. Der weit überschätzte Autor verliert sich in animalischer Öko-Weltapokalypse. 50 Seiten spannend, dann esoterische Meereslauge in einer Verschwörungs-Versalzungsanlage. Ein Film in Buchform, das Buch zum Spiel. Grandios vermarktet, aber null Charaktere, viel Showdown. Motivierend: Meeresbiologie, wie ein Laie sie bestaunt. Drumherum purer literarischer Abyss.
BW: 5-
Roman, 2004, 1000 Seiten
Robert Schindel (*1944): »Nervös der Meridian«
RSs sechster Gedichtband wühlt das auf, was der Mensch in der Welt ist. Hört sich nichts sagend an, meint aber den Mut, hinter die Fassaden zu blicken. Glück, Liebe, Müll, Elend und Gebeine – alles findet statt, hat Berechtigung. Nur, wie damit zurechtkommen, mit all diesem Seltsamen? RS sucht Antworten; die Gedichte sind teils sperrig, unverständlich – und dann wieder von großer Sehnsucht erfüllt.
BBW im Bewusstsein, dass Lyrik stimmungsabhängig ist: 4+
Gedichte 1978, als TB 64 Seiten
Bernd Schirmer (*1940): »Cahlenberg«
Ein fließender, wunderbarer Text; ein Abgesang, eine schöne ökologische, friedfertige Utopie, ein Leben der Phantasie, das die Unwirtlichkeiten damaliger DDR überwindet und überhöht. Cahlenberg ist ein Ort, den es gibt und nicht gibt –, und Männer, ein Freundeskreis, der von diesem Cahlenberg träumt. Präzise geschrieben, humorvoll, tiefsinnig und gestimmt von der traurigen Hoffnung auf Weltverbesserung.
BW: 2-
Parabel, 1994, 180 Seiten
Jochen Schmidt (*1970): »Müller haut uns raus«
Ostberlin nach der Wende, eines Studenten Idolatrie für den Dramatiker Heiner Müller, junge Frauen, Brest, New York, Reisen zur Selbstfindung. Dies und mehr leimt JS aneinander, kurios, ehrlich, vehement. Weltschmerz und Partner-Wechsel-Dich; alles wirkt wohl gesetzt, ist authentisch-jung und sensibel. Mehr muss es nicht sein, ›Müller haut einen raus‹. Denn Erwachsenwerden ist schön schwierig.
BW: 2-
Roman, 2002, als TB 350 Seiten
Jochen Schmidt (*1970): »Schmidt liest Proust«
Brillant: JS stellte sich der Herausforderung, M.Prousts »Verlorene Zeit« (3.800 Seiten) in einem halben Jahr zu lesen, täglich 20 Seiten. Seine Lesefrüchte breitete JS im Internetblog aus, und jetzt als Buch. Witzig, tiefgründig, immer überraschend und so klug, dass Proust gerne zum Wieder-Entdeckten wird. Nichts ist angestaubt – und alles Teil des eigenen Alltags. Selten war Proust einem näher.
BW: 2
Blog-Essay-Tagebuch, 2002, als TB 607 Seiten
Eric-Emmanuel Schmitt (*1977): »Adolf H. - zwei Leben«
Kann ein reales Menschenleben (Hitlers ohnehin?) neu gedacht werden – erfunden? Als sei er doch Maler geworden? Nein, so kann es nicht gewesen sein, und: So wäre es auch nicht gewesen, wenn. Zwei Perspektiven, zwei historische Abläufe: Bleibt die ungelöste Schlussfrage, warum mag man Hitler überhaupt doppelt sezieren? Er bleibt ein Massenmörder; die Fiktion kann die Realität nicht übertrumpfen.
BW: 4-
Roman, 2010, als TB 199 Seiten
Oliver M. Schmitt (*1965): »Anarchoshnitzel schrien sie«
P.Hein will seine Jugend-Band wiedervereinen, fährt in die Ost-Bundesländer – und erlebt, was in einem Punk-Roman als satirisch-zynisch gelten soll. Amüsant und kalauernd ja, aber zunehmend sinnfrei und klamaukig. Worum geht es? Um Musikhistorie und -assoziationen, um verlorene Liebe, Sinnsuche, debile Ossi-Wessi-Vorurteile – und alles, alles auf pUnK bezogen. Witzig ja, verquer auch; mit blödem Finale.
BW: 4+
Roman, 2006, als TB 304 Seiten
Frank Schulz (*1957): »Morbus Fonticuli«
Der Humor ist derb-männlich, der Stil nicht jedermanns Art – wer´s mag, amüsiert sich prächtig. Nach »Kolks blonde Bräute« Band II der Trilogie, getragen von Dialekt-Kalauern und spintisierenden Szenen des verheirateten Redakteurs Morten. Der leistet sich eine amour fou, und dieser nicht ganz unübliche plot treibt alle witzigen Blüten, die das menschlich-allzumenschliche Leben nahe Hamburg so bereithält!
BW: 1-
Roman, 2001, in der Haffmanns-Ausgabe 768 Seiten
Raoul Schrott (*1964): »Tristan da Cuncha«
Urwüchsiges Naturambiente: Die südatlantische, zivilisationsferne Insel Tristan da Cuncha dient als projektionsreicher Schnittpunkt vierer Lebenswege aus vier Jahrhunderten. Von RS lustvoll konstruiert, aber nicht komponiert: 200 Seiten weniger wäre gut; diese wortmächtige Zeit-Verlangsamung kippt ins Ausufernde, ins Ungefiltert-Banale. Es bleibt der Genuss der wilden Natur, die den Menschen nicht braucht.
BW aufgrund der Überlänge: 3-, stilistisch: 2
Roman, 2003, 720 Seiten
Raoul Schrott (*1964): »Finis Terrae«
Positiv mag man über den viergeteilten, sensiblen Reiseroman sagen, er sei ›mehrdimensional‹ und mäandere spannend um den Archäologen L.Höhnel und den antiken Entdecker Pytheas. Ich aber war froh, Teil III zu erreichen, der immerhin minimale Stringenz aufwies – mir ist das Buch zu manieriert, reißbrettartig und dekonstruktiv. Natürlich nichts gegen Moderne, aber ein Roman ist nicht nur seelenlose Sudoku.
BW: 4+
Roman, 1995, 720 Seiten
Raoul Schrott (*1964): »Khamsin - die fünfte Welt«
Nerviges, ›Logbuch‹ bezeichnetes, dreigeteiltes Werk aus ›Erzählung‹, Essay und (trivialen) Fotos über die fremdartige Wüste von Tschad, Sudan und Libyen. Öder Reisebericht, eine Verleugnung des Darfur-Völkermordes, oder eine altkluge Touristentour – was eigentlich? Überheblich geschrieben vom Beobachter, der sich auf Worte mehr verlässt als auf den Verstand. Das ist Schrott.
BW : 5
Kompendium, 2002, 128 Seiten
William Shakespeare (*1564-1616): »Sämtliche Dramen«
Wer immer WS wirklich war (vielleicht WS) – sein Werk ist unschlagbar, der Gipfel, die anerkannte Krönung. Mir gefallen nicht alle seine Stücke gleich gut (ich bevorzuge ´Macbeth´, ´Hamlet´ und ´Romeo und Julia´), doch WS, welch ein Begnadeter, ist das dichterische Maß aller Dinge. Mehr ist dazu nicht zu sagen. Wenn ein Opus auf die ´einsame Insel´ gehört, dann nur seines.
BW: 1+
Gesammelte Dramen, 1589-1613 (so ungefähr)
Fredrik Sjöberg (*1958): »Die Fliegenfalle«
›Über das Glück der Versenkung in seltsame Passionen‹ – so der Untertitel eines kontemplativen Buches über Sammeln und Sammelnde. Der schwedische Entomologe FS schildert klug und humorvoll seine Schwebfliegen-Leidenschaft, in Anekdoten, Rückblicken und Assoziationen. Zum Schluss hat das Buch zwar Längen, insgesamt aber erzählt es eine Natursicht, auf die der neugierige Laie ohne FS nie gekommen wäre.
BW: 3-
Essayistisch, 2004, als TB 222 Seiten
Jane Smiley (*1949): »Moo«
Ein ironisch-trauriger US-Campus-Roman, der (zu) viel Geduld verlangt. Viele Personen und Handlungsstränge – dann aber richtig: Satirisch, gestopft voll mit seltsamen Personen; alles spielt an einer Ackerbau-Uni. Es geht um Erstsemester, Sponsoren und einen milliardenschweren Hühner-an-sich-selbst-Verfütterer. "Abgedreht" und beglückend – es geht um die Rettung der Welt. Wer so viel Geduld hat…
BW: 3-
Roman, 1995, 524 Seiten
Gerold Späth (*1969): »Unschlecht«
Pikarischer Schelmenroman, der szenenweise an G.Grass´ ›Blechtrommel‹ erinnert, dann aber ins Ungefähr-Schwafelige abgleitet. Witzig und sprachmächtig beschreibt GS des Tölpels J.F. Unschlecht plötzlichen Reichtum, die Gesellschaft des schweizer Ortes Rapperswil, seinen Wunsch, im Leben Fuß zu fassen, seine Abenteuer. Nur, die Menschen bleiben typisiert, die Ereignisse werden immer mehr Staffage. Schade.
BW: 3+
Roman, 1970, 626 Seiten
Arnold Stadler (*1954): »Einmal auf der Welt. Und dann so«
Die grandiosen autobiographischen Romane »Ich war einmal«, »Feuerland« und »Mein Hund…« vereint. Lakonische Sprachkunst ohne Pirouette – und eine fragile, assoziative Welt, die Empörung freisprengt und Herzen öffnet. Bauern-Kindheit, Hinterwäldlertum, fremdes Patagonien, vatikanisches Rom, und überhaupt das ganze komische Leben. Hier passt jeder Satz, jeder Einschub; (beinahe) an Josef Winkler erinnernd.
BW: 2+
Autobiographische Roman-Trilogie, 1989-1994, 422 Seiten
Lisa St Aubin de Terán (*1953): »Deckname Otto«
Spannende Biographie (in fiktionalem O-Ton), eine Wucht. Venezolaner O.Barreto ist erst kommunistischer Volksheld, dann weltweit verfolgter, im Alter geläuterter Politbandit: Deckname Otto. Eine fesselnde Realo-Mär voller Irrungen und Revoluzzer sowie Anekdoten über Che und Castro. Aber auch voll der enttäuschten Liebe und des Machismo. In glazialer Tonalität, intelligent, emotional, politisch.
BW: 2
Roman, 2007, als TB 572 Seiten
Heinz Strunk (*1962): »Die Zunge Europas«
HSs nur oberflächlich humoriger Roman; ein Feuerwerk persönlicher Erfahrungen, Anekdoten und Kalauer, geschildert am fettleibigen M. Erdmann. Beziehungsstress, das irre TV-Programm, trivialer Alltagswahnsinn und der Aberwitz, dass wir Menschen so sind, wie wir sind – des Städters falsches Leben, stakkatohaft stilisiert und gefiltert. Erst am Schluss merkt man: Eigentlich ist´s eine kleine, traurige Oper.
BW: 3+
Roman, 2008, 316 Seiten
Heinz Strunk (*1962): »Fleckenteufel«
Derb-witzige Story um den klugen Beobachter Thorsten, den 16jährigen, der während einer evangelischen Ostsee-Jugendfreizeit alle schwül-wüsten Wirrnisse der Pubertät durchmacht. Er leidet unter Verstopfung, Hormontrieb und seinem Kleinsein. Doch das ist nichts gegen die erwachsenen, bigotten Begleiter. Brutaler Humor (auch der Fäkalwelt), frisch zu lesen, humorig-ekelig, exzessiv. Und schön böse.
BW: 2-
Roman, 2009, als TB 220 Seiten
Martin Suter (*1948): »Die dunkle Seite des Mondes«
Wirtschaftsanwalt Urs B. in der Midlife-Crisis. Er nimmt halluzinogene Pilze und verändert sich völlig: Gefühllos-aggressiv, schmeißt er seinen Job, zieht in eine Wald-Höhle. Und wird wegen Mordes gesucht. Psychologischer, stilistisch simpler, inhaltsleerer Halbkrimi, der mich – trotz Jubelarien – gar nicht überzeugte. Nicht nur der Schluss ist enttäuschend-knapp. Will uns MS etwas sagen?
BW: 4
Roman, 2001, als TB 320 Seiten
Uwe Tellkamp (*1968): »Der Turm«
Kluger Schlüsselroman, der Dresden-Fans Spaß macht und die DDR detailliert in (Untergangs-)Verästelungen darstellt – Eloge, Komödie, Drama in einem. Mich jedoch nervte der T.-Mannsche Retro-Duktus, das Bildungsbürger-Gerede (selbst, wenn es so war). Womöglich hielt ich nicht lange genug durch, ab S.50 soll dieser antiquierte Historismus ja gut werden.
BW: 3-
Roman, 2008, 544 Seiten
Steve Tesich (1942-1996): »Abspann«
Am Schluss, wenn die Erzähl- zur Blutungszeit wird, fließt alles zusammen: Filmbearbeiter Karoo endet inmitten seiner Krankheiten und Hirngespinste, die er auch mit Alkohol und Flucht in magische, missglückte Skripts nicht abwenden kann. Ein zynischer, prächtiger Roman, der grandioses Scheitern zeigt, eine Familie, die nicht zusammen kommt – ein Untergang im besten Willen, alles richtig zu machen. Faszinierend.
BW: 2-
Roman, 1998, 532 Seiten
Steve Tesich (1942-1996): »Ein letzter Sommer«
ST ist ein Meister der Dialoge – in diesem USA-Roman authentisch: Schulabgänger Daniel sinniert, was er mit seinem jungen Leben anfangen soll. Er verliebt sich heftig in die rätselhafte Rachel, grübelt, leidet am Krebstod des verbitterten Vaters, sucht mit zwei Freunden nach der eigenen Zukunft. Brillant, stilistisch perfekt, von einer Sensibilität, die ihresgleichen sucht. Unbedingt lesen!
BW: 2+
Roman, 1982, als TB 492 Seiten
Maarten t´Hart (*1944): »Die Jakobsleiter«
Wer mit den Niederlanden „nur“ Toleranz verbindet, wird schaurig belehrt: MH schildert Schuld und Sühne des jungen A.Vroklage. Umfeld sind bigotte und fanatische, 20 bibelfeste Glaubensgemeinschaften, die um Einfluss und Gottes-Deutung ringen. Allerdings: Wer sich damit nicht auseinandersetzen mag, verliert am Buch schnell das Interesse. Feine Naturbeschreibung, jedoch Thema ist allein die Religion.
BW: 2+
Roman, 1986, 269 Seiten
Albert Vigoleis Thelen: »Die Insel des zweiten Gesichts«
Barock, witzig, mit überbordender Fabulierlust und Liebe zum (Über-)Leben. AVT (1903-1989) bebildert seine und die seiner Geliebten Beatrix Odyssee auf Mallorca 1931-36. Diese "angewandten Erinnerungen" – schelmenhafte "Vigoleisiaden" – strotzen vor burlesken Abenteuern, Notsituationen, Charakteren und Fluchtabsurditäten. Von der Gruppe 47 einst abgelehntes, beinahe vergessenes Romanwunder.
BW: 1
Roman, 1953, in der Claasen-Ausgabe 944 Seiten
Mariam Toews (*unbekannt): »Ein komplizierter Akt der Liebe«
Nomi, geboren in einem isolierten US-Dorf der Mennoniten, mag am Leben verzweifeln. Beiläufig, wunderbar ironisch erzählt sie von den Zwängen einer orthodoxen Religionsgemeinschaft, die die Moderne verweigert und in der Teenager um alles ringen, was „draußen“ selbstverständlich ist: Musik, Mode, Telefon, Liebe. Ein ehrlicher Roman um eine Suche nach Leben – und um eine notwendige Ablösung.
BW: 2-
Roman, 2004, als TB 299 Seiten
Steve Toltz (*1969): »Vatermord und andere Familienvergnügen«
Amüsant-böse, wundervoll, weise, crazy! J.Dean erzählt seine verrückte Jugend und über das Leben: melancholisch, altklug und mit Hilfe der Notizen seines Raben-Vaters. Der neidet seinem Bruder Terry die Verbrecherkarriere! Sprühende Aussi-Ironie at its best. Eine abgefahrene Story samt skurrilem, leider arg turbulent-konstruiertem Ende. Dennoch: Pflichtlektüre im Sub-Genre der Jugend-Romane!
BW: 1-
Roman, 2008, 780 Seiten
Paul Torday (*1946): »Lachsfischen im Jemen«
Ein feiner und spannender Brief-, E-Mail- und Tagebuchroman britischen Humors, der vom skurrilen Thema lebt: Im Jemen soll der Fischereispezialist Dr.Jones Lachs-Fang ermöglichen. Ein Witz? Politisch bis hin zu Al-Qaida, satirisch-glaubhaft und ausgelotet bis in zauderndes Ehe- und Liebesleid. PT hat seine private Leidenschaft fürs Fliegenfischen in einen witzig-ernsten Schmöker gekleidet.
BW: 3+
Roman, 2007, als TB 320 Seiten
Paul Torday (*1946): »Bordeaux«
Chronologisch rückwärts erzählter Roman, der mit PTs »Lachsfischen« nichts gemein hat. Kein Witz, kein Schwung – nur das exzessiv sich steigernde Trinkerleben von Softwarespezialist F.Wilberforce, der ein Weingut gekauft hat. Was soll das? Zum Schluss hin immer zäher, dümpelt der Text zwischen Flaschen-Leeren und ´menschlichen Flaschen´: Versager rundum; nicht einmal lieben können sie richtig. Ungenügend.
BW: 5+
Roman, 2008, 317 Seiten
Hans-Ulrich Treichel (*1952): »Liebesgedichte«
Und immer Liebe und Lust: Kommen, gehen, zueinander finden, ohne einander nicht können – miteinander auch nicht. HTs sensible Lyrik ist erotik-los und ungekünstelt-nett. Nur fragt man sich beim Lesen, was folgt den braven Texten? Sie reizen zu keinerlei echtem Widerspruch, sind reibungs- und zeitlos, stammen aus einer seltsam-schönen Gentleman-Zeit. Das ist reizvoll, wirkt aber heute leider ziemlich bieder.
BW: 3
Lyrik-Auswahl, 2009, als TB 85 Seiten
Claire Tristram (*1958): »Passion«
An sich gute Idee: Eine Namenlose, deren jüdischer Gatte von arabischen Terroristen getötet wurde, beginnt ein sexuelles Kammer-Spiel mit einem Moslem. Aber: Teils wird der Debüt-Roman gelobt, ich finde ihn nichtssagend und am Thema vorbei. Wie in einer Petrischale hetzt CT die beiden obsessiven ›Stellvertreter‹ aufeinander – mir zu artifiziell und, trotz 9/11 zu gekünstelt, um fesselnd zu sein.
BW: 4+
Roman, 2004, 170 Seiten
Karine Tuil (*1972): »Schaumhochzeit«
Offenbar muss sich Feminismus an überzogenem Familien-Autismus, der Borniertheit einer Mutter-Figur und klischeehaftem Geschlechterk(r)ampf abarbeiten. Was KT beinahe kafkaesk schildert, ist so karikiert und typenhaft, dass es schon wieder überraschend und amüsant ist: Die hart-feministische Botschaft ist heute von Patina überzogen, das Buch in seiner Plakativität ist jedoch lesenswert.
BW: 4+
Roman, 2004, 196 Seiten
Mark Twain (1835-1910): »Post aus Hawaii«
1866 reiste MT – noch unbekannt – monatelang als US-Korrespondent ins damalige Königreich Hawaii. Es entstand ein Reisebericht voller Ironie und Güte. MT ist ein feinfühliger, kultivierter Beobachter, der den paradiesischen Inselstaat kritisch und detailreich hinterfragt (die USA erscheinen ihm nach seiner Rückkehr arglistig und düster. Er hatte sich in Hawaii und die dortigen Frauen verliebt).
BW: 2-
Reisebericht, 2010, 368 Seiten
Christian van der Ploeg (*1968): »Badewannenblues«
Typische Probleme mit typischen Frauenfiguren löst Kölsch-Trinker Alex am liebsten im Schaumbad: Wie er Sofie gewinnt, seine Ex-Freundin auf Distanz hält, und überhaupt. Floskelkisten-Roman, zuweilen lustig; im Grunde aber eine banale Reihung klischeehafter Szenen. Netter Badewannenschmöker für alle, die spaßige Männer-Unterhaltung suchen und sie auch (immerhin) finden.
BW: Seichtes Roman-Genre, außerhalb ernsthafter Bewertung
Roman, 2011, als TB 318 Seiten
Paul Verhaegen (*1976): »Omega Minor«
Fulminanter Wälzer mit drei raffinierten Erzählsträngen über jüdisches Leid. Eigentlich eine riesige Rahmenhandlung voll Erotik – der Kern: eine Holocaustologie, intensiver als die J.Littells. Doch ich wollte auch vier Mal aufhören: zu geschwätzig, 300 Seiten zu lang; zu viele Namen, zu mühselig (bis zum überraschenden Ende). Stilistisch jedoch begeisternd; selten so gut gequält worden. Durchhalten!
BW aufgrund der Überlänge: 4-, stilistisch: 2+
Roman 2006, 976 Seiten
Dimitri Verhulst (*1972): »Die Beschissenheit der Dinge«
Ein Alkohol- und Prügelroman, autobiographisches Leiden an der eigenen Herkunft: DV bejammert seine flämische Kindheit, all die Säufer und den Schmutz, die kranken Eltern, die täglichen 20 Bier, Gerichtsvollzieher, Polizei, Not und Elend. Was mich irritierte: die Sprache, die zum Inhalt nicht passt; der Humor und der Charme, der das Ganze doch ironisieren soll? Ratlosigkeit, Mitleid und Lachen in einem.
BW: 3-
Roman 2006, 224 Seiten
Hans Waal (*1968): »Die Nachhut«
Aus einer Fiktion wird fiktive Wirklichkeit: Vier SS-Männer klettern 60 Jahre nach Kriegsende aus ihrem Bunker und tauchen ein in die Bundesrepublik samt Medien, Politik und all den echten oder geheuchelten Ideologien. Eine ambitioniert recherchierte Satire samt Witz und Liebe, aber vielen logischen Brüchen. Und am Schluss erzwingt die reale TV-Fiktion ein politisches Namens-Tohuwabohu, das keinen Spaß mehr macht.
BW aufgrund der Unübersichtlichkeit: 3-
Roman 2008, als TB 336 Seiten
David Foster Wallace (1962-2008): »Unendlicher Spaß«
Warum ist das Beste immer so unmessbar groß? Glauben muss man, man läse den größten Spaß und nebenbei alles über Tennis, Drogen, Terror und den Kosmos in gefühlten hundert Handlungssträngen –, nur es ist nicht witzig. Die US-Moderne ist sinnleer und pervers. Pathos, Gaudi, Zynismus, und so genial unleserlich, dass man sofort damit anfangen muss und dankbar mit dem Müssen nie zu Ende kommt. Weltliteratur.
BW aufgrund der Unübersichtlichkeit: 3-, stilistisch: 1+
Roman 2009, 1548 Seiten
David Foster Wallace (1962-2008): »Der Besen Im System«
Krimi-Nonsens mit so wirrem plot, dass man ihn nicht versteht. Munteres Textsorten-Verquirlen, Ideenblindgänger, obszöne Nymphensittiche und eine, dem Altenheim entlaufene Uroma. Spätestens Seite 80 droht die "Rezeptionsschwelle" – überwunden wird sie nicht. Völlig unmotiviert stoppt das Werk denn auch, einfach so - den Besen her, um dieses System zu entwurmen! Albern im Vergleich zu DFWs Mammutwerk »Unendlicher Spaß«.
BW: 5+
Roman 2005, 642 Seiten
Matthias Wegehaupt (*1938): »Die Insel«
Im typisch elaborierten, prätentiösen Stil der 30er-Jahre-Geborenen schildert MW voluminös des Malers Unsmoler Leben auf einer fiktiven Insel, das Innenleben der DDR in theatralischen Dialogen und Naturszenerien – bis zum Untergang des Regimes. Wer geduldig ist, liest eine bewegende Story und viel über die Stasi, Menschliches und Symbolisches. Mir war´s stilistisch altbacken und daher viel zu lang.
BW: 3-
Roman 2005, 1013 Seiten
Ernst Weiss (1888-1940): »Georg Letham«
Ehefrau-Mörder Dr. med. G.L. berichtet dezidiert, interessant und stilistisch-klar über seine Schuld und Sühne; im Straflager seine emotionale Läuterung durch den Tod eines 14jährigen, von ihm geliebten Mädchens, seine medizinischen Forschungen und Misserfolge, seinen üblen Vater... Expressionist EW gilt den einen als psychologisch brillant, mir zu sehr von pathetischer Ernsthaftigkeit überbordend.
BW: 3-
Roman 1931, als TB 502 Seiten
Peter U. Weiss (1916-82): »Die Ästhetik des Widerstandes«
Um diesen sozialistischen Kult-Roman-Essay zu lieben, muss man 15 oder 75 sein: Leidenschaft ist alles, dann klappt´s auch mit der programmatischen Ästhetik der Proletarierkunst. Intelligent, authenthisch im Panorama der 40er Jahre, ideologisch irgendwo zwischen hochaktuell und (angesichts stalinistischer Verbrechen) grausam weltfremd. Künstlerisch nötig gegen den Faschismus –, scharf, lebendig, diskursiv. Aber auch naiv, antiquiert – und dröge.
BW: 4
Roman 1975-1981, 1000 Seiten
Peter U. Weiss (1916-82): »Das Gespräch der drei Gehenden«
Existenzialismus, Vexierspiel: „Gespräch“ dreier Männer Abel, Babel und Cabel, die viel und nichts sagen. Denn alles ist revidierbar, wurde nie gesagt, wird es nie werden. PW experimentiert mit monologischer Sprache: konzise, den Zweifel vor sich hertreibend – und schwer zu lesen, weil jenseits des Konkreten. Ein konzentrierter Text, der alles offen lässt, und damit: äußerste Geschmacksache ist.
BW: unentschlossen zwischen 2- und 5+
Erzählung 1962, als TB 91 Seiten
Charlotte Weitze (*1974): »Vom Glück, ein Briefträger zu sein«
Albino zu sein ist äußerst problematisch – also lässt sich Kaspar als Briefträger in eine sonnenlichtarme, fremde Bergregion Skandinaviens versetzen. Dort ist es einsam; dort wohnen kauzige Menschen, dort lernt er die Flötistin Loerke und den menschenscheuen „König“ kennen. Der Stil: prägnant und klar; das Buch ist manchmal zäh, aber lesens- und liebenswert. Das Ende ist allerdings enttäuschend trivial.
BW: 3-
Roman 2003, als TB 206 Seiten
Michael André Werner (*1967): »Schwarzfahrer«
Drei junge Männer in Berlin: Sie geben sich als Fahrkartenkontrolleure aus und verdienen so ihren Lebensunterhalt. Klingt witzig und abenteuerreich – aber es folgt daraus nichts. Ein Roman mit viel U-Bahn-Handlung, aber welcher Botschaft: Lebenskunst? Das „Abzocken“ Unschuldiger? Ein bisschen Liebe? Selbst, als echte Kontrolleure ihren Weg kreuzen, bleibt ein richtiger Konflikt aus. Warum?
BW: 4+.
Roman 2003, als TB 204 Seiten
Colson Whitehead (*1969): »John Henry Days«
Der Schwarze J.Henry ist legendärer Tunnelbohr-Heroe der US-Eisenbahner. Ihm zu Ehren steigt ein Festival, während dessen der Journalist J.Sutter einen Rekord im Spesenschnorren aufstellen will. Der Ehrgeiz, Leben einen Sinn zu geben, und sei es mit perversen, todbringenden Rekorden – darum geht´s CW, der Medien als Spektakelmaschinen entlarvt. Ambitioniert, zum Schluss aber zu zäh und wiederholend.
BW: 4+
Roman, 2001, 592 Seiten
Colson Whitehead (*1969): »Apex«
Stilistisch feiner Roman über einen – bezeichnenderweise – namenlosen Marketingguru, der einer US-Kleinstadt einen neuen Namen geben soll. Je intensiver er in die Stadthistorie eintaucht und je besser er die Einwohner kennenlernt, um so schwieriger wird sein Job, ja unmöglicher. Überall eckt er an (symbolisch durch einen verwundeten Zeh), gewinnt Freund und Feind. Wird er einen neuen Namen finden?
BW: 3+
Roman, 2008, 201 Seiten
Ernest Wichner (*1952): »Steinsuppe«
Des Rumänen EWs experimentelle Gedichte haben mich nicht gefesselt; ihre Metaphorik ist – bis auf wenig blitzende Ausnahmen – so verstiegen und abstrakt, dass sich (mir, der ich seine Vita nicht kenne) nichts erschließt. Vielleicht habe ich sie auch einfach nur nicht verstanden.
BW im Bewusstsein, dass Lyrik stimmungsabhängig ist: 5
Gedichte 1988, als TB 80 Seiten
Rainer Wieczorek (*1956): »Zweite Stimme«
Zwei Herren und eine Frau – diese drei exemplifizieren, jeder auf seine Weise, das Thema ›Arbeit‹. Hr Skala ist Wolkensammler und Spaziergangsforscher, Hr Baumeister früherer Schriftsetzer, seine Tochter Soziologin: Arbeit ohne ›Nutzen‹, überflüssig gewordene Arbeit und Arbeitstheorie, damit wird ernst jongliert –. Hochgelobtes Debüt; mir aber zu konstruiert, gerade weil der Plot skurril sein soll.
BW: 4
Novelle (erste einer Trilogie), 2009, 138 Seiten
Ron Winkler (*1973): »Fragmentierte Gewässer«
Spannende (aber auch einige schlechte) Natur- und Reisegedichte, die in vielen schönen (oft zu artifiziellen) Metaphern die Entfremdung des Menschen von der Natur klären. „Ich war nie so zu zweit wie mit dir“ – RW ist am stärksten, wenn er sich im lyrischen Du spiegelt, und dann, wenn sein heutiger Blick romantische Metaphorik zerlegt und modern-technisch neu zusammensetzt. Viele lesenswerte Gedichte.
BW im Bewusstsein, dass Lyrik stimmungsabhängig ist: 3
Gedichte 2007, TB 83 Seiten
Dirk Wittenborn (*unbekannt): »Casper«
Ich tue dem gut geschriebenen, angeblich humorigen Buch Unrecht –, aber was ist daran, dass der junge, lebensmüde Casper durch ein an sich positiv gedachtes Pharmaexperiment zum mörderischen Bedroher einer Forscherfamilie wird, spannend? Ein Krimi, der keiner ist; ein Bildungsdrama der 50er US-Jahre? Formal brav und lang und weilig; mir fehlt der durchsichtigen Story eine Durchhaltepille.
BW: 4-
Roman 2007, als TB 477 Seiten
Tom Wolfe (*1931): »Ich bin Charlotte Simmons«
Suff und Drugs statt Intelligenz: Land-Ei Charlotte S. auf Identitätssuche; sie lernt an der Uni die sport- und partybesessene Realität herz- und rücksichtslos. Klasse Dialoge im Studi-Slang; eine geistfreie Welt tumber Kerle und girlies, denen es nur um Schampus statt Campus geht. TWs bösester Schmöker. Hier in Dupont möchte man auf ewig studieren – oder nie. Satirisch-schockierend und unterhaltsam.
BW: 3+
Roman 2005, 800 Seiten
Tom Wolfe (*1931): »The Electric Kool-Aid Acid Test«
Eigentlich eine Reportage mit viel Flowerpower. TW jongliert mit der Historie um K.Kesey und die Merry Pranksters in den 60ern. Ein berühmter Bus anarchischer Blumenkinder auf US-Road-Tour; heute kaum zu glauben, so spacy und ernst waren deren Visionen. Nur: 200 Seiten zu lang! Bald sind die LSD-Trips einfach durchgekaut. Die Figuren? So real wie die Klischees, die wir über sie denken.
BW: 4+
Roman 2009, 464 Seiten
Norbert Zähringer (*1967): »So«
(Von mir nicht) umjubelter Erstling von NZ: Der Berliner Bankangestellte Gummer wird in einen Bank-Container versetzt. Dort richtet er sich ein, will nicht behelligt werden und erlebt die amüsanten Stories ›kleiner Leute‹. Handlungsstränge, die kaum welche sind, Zukunft, sogar Mittelalter, alles durcheinander. Ein Genre-Mix – der macht Spaß, ist aber anstrengend, verwirrend und am Schluss nervig.
BW: 3+
Roman 2001, 400 Seiten
Dieter E. Zimmer (*1934): »Ich möchte lieber nicht, sagte Bartleby«
DEZs schmales Buch ist im Kritikeralltag nahezu unbeachtet geblieben, ein Fehler. Seine Gedichte drehen sich um Aussteiger, Verweigerer, politisch Andersdenkende, alle die – wie Melvilles Antiheld Bartleby – sagen ›ich möchte lieber nicht‹. Es sind präzise und luzide Texte sehr moderner Provenience, die meinen: Die Gleichheit unter Menschen gibt es nicht, je genauer wir hinschauen. Tatsächlich nicht?
BW im Bewusstsein, dass Lyrik stimmungsabhängig ist: 3
Gedichte und Spottstücke 2009, 464 Seiten
----------------
Thomas Lappe - Welt der Bücher, Literaturkritiken, Rezension, Buchkritik, Buchkritiken, Buchtipps, Feuilleton, Bookmarks. Bibliothek. Literatur Blog. Literaturblog. Buchrezensionen, Literaturdebatte, Lesestoff, Buchfeuilleton, Bücherwelten, Buchtips, Welt des Lesens, Lappes Buchkritiken, Literaturtipps, Lesevorschläge, Büchertipps, Lesetipps, Feuilleton, Kunst der Literatur, Lektüretipps, Thomas Lappes Satire-Band »Es geht schon los« - Nürnberg. - Lappe Kommunikation. Twitter: LappeLit. Mister Wong: LappeKommunikation. - Ich verweise darauf, dass ich zu nachstehenden Links keinen inhaltlichen oder juristischen Bezug habe. Die dortigen Texte stehen - gemäß meines Impressums - in der Verantwortung der jeweiligen Herausgeber, Autoren oder Website-Anbieter. Auch inhaltlich können die Rezensionen von meiner persönlichen Meinung abweichen oder ihr widersprechen.
Interessante Homepage:
www.perlentaucher.de
Interessante Homepage:
www.autoren-magazin.de
Interessante Homepage:
www.lettern.de
Interessante Homepage:
www.literaturwelt.de
Interessante Homepage:
www.readme.de
Interessante Homepage:
www.literaturwelt.de
Interessante Homepage:
www.buchkritik.at
Interessante Homepage:
www.volltext.net